Alte Salzburger Berufe und Handwerke
Ausfergen, Naufergen, Lodenwalker, Kugelmüller, Feigenkaffee-Röster - und ein Beruf, den es nur in Salzburg gibt und der bis heute ausgeübt wird. 1878 hingen allein am Almkanal 63 Werke mit 353 registrierten Wasserrechten.
Der Beruf, den es nur hier gibt
Salzburgs Altstadt liegt zwischen zwei Bergen, und die bröseln. Daraus ist ein Berufsstand entstanden, den es sonst nirgends in dieser Form gibt: die Bergputzer. Erstmals urkundlich erwähnt sind Felssäuberungsarbeiten 1574; damals hießen die Leute, die sie im Auftrag der Bürgerschaft ausführten, noch Bergskarpierer oder allgemein Steinbrecher.
Der Anlass für die Verstetigung war eine Katastrophe. Am 16. Juli 1669, zwischen zwei und drei Uhr morgens, brachen große Felsmassen vom Mönchsberg ab. Der Sturz zerstörte mehrere Kirchen und etwa ein Dutzend Häuser und forderte nach der Darstellung der Stadt rund 230 Todesopfer; die Chronik des Stadtarchivs nennt für dasselbe Ereignis im Gstättenviertel 220 Tote.
Nach einem weiteren großen Bergsturz in der Christnacht 1768 zog die Verwaltung die Konsequenz. Eine eigene Hofrathsverordnung des Jahres 1778 legte fest, dass der Berg jährlich zu besichtigen, zu befahren und zu säubern sei. Damit war aus einer Notmaßnahme eine Daueraufgabe geworden.
Sie besteht bis heute. Die Bergputzer betreuen nach Angaben der Stadt jährlich 300.000 Quadratmeter Fels, kontrollieren, entfernen loses Gestein, schneiden Sträucher auf etwa 32.400 Quadratmetern - das entspricht rund zwölf Fußballfeldern - und setzen an gefährdeten Stellen Felsanker. Die Historie des Berufs steht bei der Stadt Salzburg. Dass die Wehrmauern auf denselben Bergen ebenfalls laufend saniert werden müssen, steht im Beitrag zur Stadtbefestigung.
Die Ämter der Salzschifffahrt
Der größte Arbeitgeber des Erzstifts war das Salz, und der Transport auf der Salzach hatte eine Berufsordnung, die man heute buchstabieren muss:
- Ausfergen führten die Salzschiffe auf der Strecke Hallein bis Laufen. Sie waren erzbischöfliche Beamte - ab der Ausfergenordnung von 1278 waren es 40 Einwohner von Laufen, nach der Neuregelung durch Kardinal Matthäus Lang 1532 nur noch vier adelige Familien, die Einkünfte bezogen, ohne selbst mitzufahren.
- Naufergen übernahmen die schwierigere Strecke von Laufen über Burghausen nach Passau.
- Fertiger waren die eigentlichen Händler: freie Unternehmer auf eigene Rechnung und eigenes Risiko, ansässig in Hallein, Laufen, Burghausen, Obernberg und Passau. Im 16. Jahrhundert drängten die bayerischen Herzöge sie aus dem Geschäft.
- Nauflezer hießen die Schiffer von Obernberg, deren Zahl Bischof Urban von Passau 1583 auf 32 bis 34 festsetzte.
- Fürfahrer fuhren auf sogenannten Wasserseherzillen voraus und markierten mit eingeschlagenen Stöcken die richtige Fahrrinne - ein Beruf, der aus nichts anderem bestand als aus dem Lesen eines Flussbetts.
- Und schließlich die Gegenzieher, die die leeren Schiffe flussaufwärts zogen. Dass dieser Beruf Sozialpolitik war, zeigt ein Verbot: Noch 1426 durften auf der Strecke Laufen-Hallein keine Pferde eingesetzt werden, „damit sich die armen Leute zu Laufen ernähren mögen".
Wie tief diese Ämter im Rechtssystem verankert waren, zeigt ein Bestand im Salzburger Landesarchiv: Unter den Zentralbehörden-Archivalien liegt ein Lehenprotokoll der Erbausfergen von 1553 bis 1718. Das Recht, Salzschiffe zu führen, wurde vererbt wie ein Gut. Die Wirtschaftsgeschichte dahinter steht im Beitrag zum Salzhandel.
Was am Almkanal arbeitete
Die zweite große Arbeitsgrundlage der Stadt war fließendes Wasser. Zwischen 1136 und 1143 ließen Domkapitel und Stift St. Peter den Stiftsarmstollen durch den Mönchsberg treiben - Auslöser waren die schlechte Wasserversorgung von Feldern und Gärten in der Stadt, die ungeschützte Lage der Mühlen in Mülln und wohl der Stadtbrand von 1127, bei dem Löschwasser fehlte. Erste Mühlen am umgeleiteten Riedenburgbach in Mülln gab es schon im 8. Jahrhundert.
Was daraus wurde, lässt sich an einer einzigen Zahl ablesen. 1878, in der Blütezeit des Systems, hingen am Almkanal 63 Werke mit 353 registrierten Wasserrechten. Die Zeittafel der Wasserwerksgenossenschaft führt dazu auch die Besitzverhältnisse: 1566 wurde der Erzbischof nach Anlage des Weihers dritter Almherr; 1803 übernahm der Staat die Anteile von Domkapitel und Erzbischof, 1869 auch den Stiftsanteil.
Die Aufstellung der historischen Nutzungen dokumentiert über 80 einzelne Produktionsstätten. Die Berufsbezeichnungen dahinter sind großteils verschwunden:
- Müller aller Sorten - Getreidemühlen, Sägemühlen, Mahlmühlen, Kunstmühlen
- Hammerschmiede und Hufschmiede, dazu Schlossereien und Drehereien
- Lodenwalker - die Lodenwalke verdichtete Wollstoff mit Wasserkraft; dazu Wollspinnerei und Textilfabriken
- Gerber, später eine Lederwarenfabrik
- Kugelmüller, die aus Gesteinsbrocken Kugeln schliffen
- und Betriebe, deren Produkte man heute erklären muss: eine Vitriol-Fabrik, eine Schwefelsäurefabrik, eine Feigenkaffeefabrik, eine Bürstenfabrik
Der Kanal selbst läuft weiter, nur mit anderer Kundschaft: Für 2023/24 sind mindestens zwölf Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von über 1.200 Kilowatt dokumentiert, dazu Kühlwasserentnahmen, Fischteiche, Biotope, eine Surfwelle und öffentliche Brunnen.
Almmeister und Brunnmeister
Ein System wie der Almkanal braucht jemanden, der es führt. Für die technische Leitung der gesamten Anlage gab es deshalb das Amt des Almmeisters. Wie viel politische Substanz in dieser Wasserwirtschaft steckte, zeigt eine Erweiterung von 1338: Die Bürger der Stadt leiteten damals mit Genehmigung von Erzbischof Friedrich III. von Leibnitz Wasser vom Müllner Arm des Almkanals durch einen weiteren Stollen ab. Dieser Städtische Arm führte zum Bürgerspital und weiter in den Norden der Altstadt - die Stadt hatte nun eine eigene Leitung.
1548 errichtete die Stadt beim Bürgerspital am Gries ein eigenes Brunnhaus. Wer die städtischen Brunnen und Leitungen betreute, war Brunnmeister - ein Beruf, der so lange gebraucht wurde, bis eine moderne Wasserversorgung ihn ersetzte. Diese begann 1874/75 mit dem ersten Wasserspeicher auf dem Mönchsberg, 1.080 Kubikmeter groß und aus der Fürstenquelle am Fuß des Untersbergs gespeist. Der alte Speicher steht noch: In ihm ist heute ein Wassermuseum eingerichtet, das freitags, samstags und sonntags von 10 bis 17 Uhr zugänglich ist.
Steinmetze und Kugelmüller am Untersberg
Der Stein, aus dem ein großer Teil der Salzburger Innenstadt besteht, kommt von einem einzigen Berg. Untersberger Marmor ist streng genommen kein Marmor, sondern ein polierfähiger, dichter, brekzienartiger Kalkstein - weiß bis rosa, oft mit roten, fleckenartigen Einlagerungen, weshalb eine Variante Forellenmarmor heißt. In Renaissance und Barock war er das Material für Kunstwerke und Kirchenausstattungen; die Reliefs am Neutor bestehen daraus, ebenso zahllose Altäre und Epitaphien.
Abgebaut wird an der Nordseite des Untersbergs, bei Fürstenbrunn in der Gemeinde Grödig. Aus dem Abfall entstand ein eigenes Gewerbe: In den Kugelmühlen wurden aus Bruchstücken kleine Kugeln geschliffen, ein Verfahren, das für Fürstenbrunn seit 1785 beschrieben ist. Verwendet wurden dafür polierfähige Kalksteine - Adneter Kalk, Untersberger Kalk und schwarzer Kalk aus dem Wiestal bei Hallein.
Das Untersbergmuseum am Kugelmühlweg 4 in Grödig-Fürstenbrunn zeigt Marmorgewinnung, Kugelmühlenbetrieb und die Wasserwirtschaft für Salzburg. Der Verein entstand 1989, das Museum eröffnete 1990 - im adaptierten Wohnhaus eines früheren Kalkbrenners, also im Haus eines weiteren Berufs, den es hier nicht mehr gibt. Erreichbar ist es mit der Buslinie 21, Haltestelle Fürstenbrunn. Zum Berg selbst gibt es einen eigenen Beitrag.
Schmiede, Schlosser und die Regeln dahinter
Über das städtische Handwerk selbst gibt es eine Untersuchung, die genau hinsieht. Birgit Wiedl hat 2006 für die Schriftenreihe des Archivs der Stadt Salzburg Alltag und Recht im Handwerk der Frühen Neuzeit vorgelegt, mit Schwerpunkt auf dem ausgehenden 17. Jahrhundert.
Die beiden größten Eisen verarbeitenden Zweige waren demnach die Hufschmiede und die Schlosser. Dazu kamen kleinere Gewerbe: Wagner, die Räder und Wagen bauten, Messerschmiede und Büchsenmacher. Interessant ist weniger das Werkzeug als die Machtfrage dahinter - die Dynamik zwischen Erzbischof, Stadt und Zünften, in der jede Seite Regeln setzen wollte.
Zwei Befunde daraus lohnen sich zu merken. Erstens: Ab dem ausgehenden 17. Jahrhundert entstanden Landzünfte, die nach anderen Spielregeln funktionierten als die städtischen Organisationen - das Handwerk auf dem Land war nicht einfach eine kleinere Ausgabe des städtischen. Zweitens: Es bildete sich eine eigenständige Kultur der Handwerksgesellen heraus, mit eigenen Regeln, eigenen Ritualen und einem eigenen Selbstverständnis.
Die Berufe des Hofes
Ein ganzer Zweig von Berufen verschwand nicht durch technischen Wandel, sondern durch die Auflösung des Staates, der sie beschäftigte. Der Hof des Fürsterzbischofs unterhielt eigene Ämter für Getreide, Verpflegung, Pferde, Fische, Jagd und Wald - vom Hofkastenamt über die Küchen- und Kellermeisterei bis zur Futter- und Gestütmeisterei. Ihre Akten enden fast alle im selben Jahr: 1807. Was diese Verwaltung war und wo ihre Unterlagen heute liegen, steht im Beitrag zur Residenz.
Wenn der Landesfürst das Gewerbe selbst betrieb
Nicht jedes Handwerk scheiterte an der Technik. Manche verschwanden, weil der Landesfürst sich das Geschäft nahm. Das deutlichste Beispiel steht in der Chronik des Stadtarchivs unter dem Jahr 1659: die Einführung des landesfürstlichen Biermonopols. Wer bis dahin selbst gebraut und ausgeschenkt hatte, arbeitete danach im Rahmen einer erzbischöflichen Ordnung oder gar nicht.
Ähnlich funktionierten die Niederlagsrechte: 1487 erhielt Salzburg eine Wein- und Eisenniederlege, im Volksmund Lötsche - das Recht, durchziehende Waren zwangsweise zum Verkauf anzubieten. Solche Rechte schufen Berufe und vernichteten andere, je nachdem, auf welcher Seite der Stadtgrenze man saß.
Und manchmal wurde ein Gewerbe schlicht neu gegründet: 1677/78 entstand in Nonntal eine Wollmanufaktur - ein früher Versuch, Textilproduktion in größerem Maßstab in die Stadt zu holen.
Wie sie verschwanden
Für das Ende der Zunftordnung gibt es ein Datum. Das Kaiserliche Patent vom 20. Dezember 1859 erließ eine Gewerbeordnung für den ganzen Umfang des Reiches, die ab 1. Mai 1860 in Kraft trat. Sie fixierte den Grundsatz der freien Gewerbeausübung gegen bloße Anmeldung; nur wenige Branchen blieben konzessionspflichtig, darunter Buchdrucker und Buchhändler, das Bau-, Gast- und Schankgewerbe und der Personentransport. An die Stelle der Zünfte traten Genossenschaften mit Pflichtmitgliedschaft. Der Text steht bis heute im Rechtsinformationssystem des Bundes, weil Teile der Gewerbeordnung 1859 formal weitergelten.
Für die Salzburger Berufe kamen die entscheidenden Schläge dann in kurzer Folge. 1860 erreichte die Kaiserin-Elisabeth-Westbahn die Stadt - das Ende des Gegenzugs auf der Salzach. 1871 bekam Hallein einen Bahnanschluss, damit erlosch die Salzschifffahrt endgültig. Und 1989 schloss die Saline Hallein, womit die Salzproduktion im Land vollständig endete; zu Bergwerk und Führung gibt es den Beitrag zu den Salzwelten Hallein.
Übrig geblieben sind zwei Sorten von Spuren. Die eine steht in Archiven: Lehenprotokolle, Zunftordnungen, Wasserrechte. Die andere geht bei jedem Wetter über den Mönchsberg und klopft loses Gestein aus der Wand.
Stand August 2026. Bergputzer nach der Stadt Salzburg; Berufe der Salzschifffahrt nach Heinz Dopsch, „Inn-Salzach. Ein Flußsystem macht Geschichte" (Laufener Seminarbeiträge 5/99), und nach den Bestandsübersichten des Salzburger Landesarchivs; Almkanal nach der Wasserwerksgenossenschaft-Almhauptkanal; Untersberger Marmor und Kugelmühlen nach dem Untersbergmuseum im Museumsverzeichnis des Landes Salzburg; Almkanal-Ämter, Wasserspeicher, Biermonopol, Niederlage und Wollmanufaktur nach der Stadt Salzburg und der Chronik des Archivs der Stadt Salzburg; Handwerksgeschichte nach Birgit Wiedl, Schriftenreihe des Archivs der Stadt Salzburg 21 (2006); Gewerbeordnung nach dem Rechtsinformationssystem des Bundes.