SALZBURG JOURNAL

Die Residenz: Machtzentrum des Erzstifts

Bis 987 wohnten die Salzburger Erzbischöfe im Kloster. Was danach entstand, war kein Palast, sondern ein Wirtschaftsbetrieb mit Getreidespeicher, Bäckerei und Brauerei - und ab dem 16. Jahrhundert der Sitz der Behörden eines souveränen Staates.

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Die Residenz: Machtzentrum des Erzstifts

Warum die Erzbischöfe erst so spät auszogen

Ein Herrschersitz entsteht selten am Reißbrett, und in Salzburg entstand er besonders spät. Der Grund liegt in einer Personalunion: Bis 987 war das Amt des Bischofs beziehungsweise Erzbischofs mit dem des Abtes von St. Peter verbunden. Die frühen Erzbischöfe wohnten deshalb schlicht im Kloster - sie brauchten keine eigene Residenz, weil sie zugleich Hausherren des Stifts waren.

Erst Erzbischof Konrad I. zog aus. Er verlegte 1120 seine Wohnung in einen eigenen Bischofshof, den er an der Stelle des heutigen Ostteils der Residenz errichten ließ; 1110 war die alte Bischofsresidenz für den Neubau des Klosters St. Peter abgetreten worden. Was dabei entstand, war nach der Beschreibung des DomQuartiers äußerlich weniger ein Palast als ein Gutshof: Getreidespeicher, Bäckerei, Ökonomiegebäude, Handwerkerhäuser und sogar eine Brauerei machten den Bischofshof zu einem autarken Wirtschaftsbetrieb.

Das ist der Ausgangspunkt, den man mitdenken muss. Die Residenz war nie zuerst Repräsentation und dann Verwaltung, sondern von Beginn an ein Ort, an dem gewirtschaftet, gerechnet und regiert wurde. Die Prunkräume kamen später oben drauf.

Wolf Dietrichs Abriss

Der Bruch kam um 1600. Wolf Dietrich von Raitenau ließ den mittelalterlichen Bischofssitz und Gebäudeteile um den heutigen Haupthof niederreißen, um Platz für einen ausgedehnten Neubau nach italienischem Vorbild zu schaffen. Unter ihm entstand der Trakt am Residenz- und am Domplatz mit dem Carabinierisaal, dazu der Verbindungsbau zur Franziskanerkirche mit den westlichen Arkaden.

Parallel dazu wuchs ein zweiter Bau: das Neugebäude gegenüber, errichtet 1588 bis 1602, heute Neue Residenz. Damit hatte der Platz zwischen beiden Häusern seine Fassung - und der Fürsterzbischof zwei Gebäude, zwischen denen er sich bewegen konnte, ohne die Stadt zu betreten.

Nordwestlich der Alten Residenz ließ Wolf Dietrich zwischen 1605 und 1611 an der Stelle mehrerer Bürgerhäuser einen weiteren Komplex errichten, der zwei Gartenhöfe mit Brunnen, Wasserspielen und Grotten umschloss - private Lustgärten mitten in der Stadt, einer davon die Dietrichsruh. Der älteste erhaltene Bauteil des ab 1604 begonnenen barocken Residenz-Neubaus ist der Wallistrakt, das ehemalige Hofbogengebäude.

Sieben Meter für den Eindruck

Der Ausbau lief über zwei Jahrhunderte weiter, und jeder Fürsterzbischof passte das Haus dem eigenen Geschmack an. Ein Eingriff verdient dabei besondere Erwähnung, weil er zeigt, wie unmittelbar hier Architektur als Wirkung gedacht wurde: Guidobald Graf von Thun (1654 bis 1668) ließ den Palast um fast sieben Meter erhöhen - nicht wegen Platznot, sondern um eine bessere optische Wirkung zu erzielen. Gleichzeitig verband er Residenz und Dom über die Dombögen.

Unter Franz Anton Graf Harrach (1709 bis 1727) folgte die hochbarocke Modernisierung unter der Gesamtleitung von Johann Lukas von Hildebrandt, mit Antonio Beduzzi als Dekorationskünstler, Johann Michael Rottmayr und Martino Altomonte als Malern und Alberto Camesina als Stuckateur. Unter dem letzten regierenden Fürsterzbischof Hieronymus Colloredo (1772 bis 1803) wurde der Nordtrakt fertiggestellt und die Gemäldegalerie eingerichtet. Wie sich die Räume heute begehen lassen, steht im Beitrag zum DomQuartier.

Die Behörden im Haus

Hinter den Prunkräumen saß ein Staatsapparat, und der lässt sich präziser rekonstruieren als jede Raumausstattung - weil er Akten hinterlassen hat. Das Salzburger Landesarchiv verwahrt die Registraturen und beschreibt in seinen Bestandsübersichten auch, wie diese Behörden entstanden.

Am Anfang stand der „Rat", ein Consilium geistlicher und weltlicher Würdenträger, das den Erzbischof schon im Mittelalter umgab. Im 16. Jahrhundert spaltete er sich in zwei Stränge:

  • Der Hofrat wurde die oberste Gerichts- und Polizeistelle des Erzstifts. Seine Aufgaben reichten weit ins Politische, vor allem bei der Wahrung landesfürstlicher Rechte, der Jurisdiktion und der Landesgrenzen.
  • Der Hofkammerrat entstand aus der gesonderten Behandlung der cameralen, also finanziellen Angelegenheiten.

Der entscheidende Verwaltungsakt fällt wieder in Wolf Dietrichs Regierungszeit, und er ist folgenreicher als jeder seiner Bauten: Mit der Hofkammerordnung von 1588 wurde die erzbischöfliche Urbarverwaltung der Hofkammer unterstellt. Damit stieg die Hofkammer zur zentralen Finanz- und in weiterer Folge zur zentralen Verwaltungsbehörde des Erzstifts auf. Ihre Registratur bildet bis heute den umfangreichsten geschlossenen Archivkörper unter den historischen Beständen.

Was ein Hofstaat alles brauchte

Unter den beiden Spitzenbehörden arbeitete ein dichtes Netz von Hofämtern. Die Aktenlaufzeiten zeigen, wie lange diese Verwaltung durchgehend funktionierte:

Behörde oder AmtZuständig fürAkten
Hofratoberste Gerichts- und PolizeistelleCatenichl ab 1494, Protokolle ab 1541, Relationen ab 1591
HofkammerFinanzen, ab 1588 zentrale Verwaltung1511 bis 1807
HofkriegsratKriegswesen1524 bis 1800
Generaleinnehmer- und HofzahlamtAuszahlungen des Hofes1544 bis 1807
HofkastenamtGetreide und Vorräte1540 bis 1807
HofbauamtBauwesen, dazu das Bräuwesen1557 bis 1807
JägermeistereiJagd1561 bis 1807
WaldmeistereiWald und Holz1540 bis 1807
Küchen- und KellermeistereiVerpflegung des Hofes1522 bis 1800
Futter- und GestütmeistereiPferde1575 bis 1807
Mautamt HalleinMaut auf dem Salzweg1515 bis 1807
MünzwesenPrägung1520 bis 1806

Dazu kam der Reichsfürstenrat: Am Immerwährenden Reichstag in Regensburg gehörte der Erzbischof von Salzburg der Kurie der Reichsfürsten an; erhalten sind Protokolle von 1662 bis 1690 und Akten von 1720 bis 1766. Wer wissen will, worauf diese Selbstständigkeit wirtschaftlich beruhte, findet die Antwort im Beitrag zum Salzhandel - und in der Tatsache, dass ein eigenes Mautamt in Hallein fast 300 Jahre lang eigene Akten produzierte.

Wem das Land gehörte

Ein Amt in dieser Verwaltung verdient eine eigene Erwähnung, weil an ihm sichtbar wird, wie ein geistlicher Landesfürst sein Territorium zusammenhielt: die Hofmeisterei. Über sie liefen die Lehen - jene Güter, die der Erzbischof gegen Gegenleistung vergab.

Unterschieden wurden zwei Arten. Ritterlehen gingen an Edelleute gegen die Verpflichtung zu Gefolgschaftsdiensten. Beutellehen hielten Nicht-Adelige gegen eine jährliche Rendite an den Lehensherrn. Je nachdem, wer ein Lehen empfing, konnte sich sein Charakter und damit die Zuständigkeit zwischen Kanzlei und Hofmeisterei ändern.

1588 - im selben Jahr wie die Hofkammerordnung - wurde die allgemeine Urbarverwaltung von der Hofmeisterei getrennt. Was dem Hofmeister blieb, war ein Sondergut zur Bestreitung der Hofhaltung: Er finanzierte den Hof. Die Aktenlage dazu ist außergewöhnlich dicht. Das Landesarchiv verwahrt 524 Bände aus dem 14. Jahrhundert bis 1859, darunter die Lehenbücher und Lehenprotokolle der Erzbischöfe von Pilgrim von Puchheim bis Hieronymus Colloredo, 1365 bis 1802 - eine fast durchgehende Reihe über mehr als vier Jahrhunderte.

Der Turm mit 35 Glocken

An der Westseite des Neugebäudes, des „palazzo nuovo", stand seit Wolf Dietrichs Zeit ein Turm. Erzbischof Johann Ernst Graf Thun ließ ihn Ende des 17. Jahrhunderts erhöhen, und zwar für ein Instrument, das damals in Mitteleuropa ungewöhnlich war.

1695 kaufte Thun 35 Glocken beim Antwerpener Glockengießer Melchior de Haze und ließ sie über Frankfurt, das Altmühltal und Altötting auf dem Landweg nach Salzburg bringen. 1698 reiste der Salzburger Uhrmachermeister Jeremias Sauter (1650 bis 1709) in die Niederlande, um die Glockenspieltechnik zu studieren, und beaufsichtigte danach den Bau des Spielwerks. 1702 stiftete Thun 4.000 Gulden für den Betrieb; erstmals erklang das Werk Ende 1703.

Das Herzstück ist eine Messingwalze von rund 2,5 Metern Durchmesser mit 7.970 gebohrten Löchern, die den Anschlag auslösen. 1873 baute Johann Baptist Fischer ein neues Uhrwerk ein, 1969 kam ein Elektromotor für den Walzenantrieb dazu. Die technischen Angaben stehen beim Salzburg Museum, das den Turm betreut; das Haus selbst wird derzeit umgebaut, die Einzelheiten dazu stehen im Beitrag zum Salzburg Museum.

Was 1803 endete

1800 besetzten französische Truppen die Stadt. Colloredo floh, und zahllose Kunstschätze der fürsterzbischöflichen Sammlungen wurden außer Landes gebracht. 1803 folgte die Säkularisierung: Aus dem geistlichen wurde ein weltliches Fürstentum, 1805 endete die Eigenstaatlichkeit, und die Stadt verlor ihre Residenzfunktion. Damit war das Haus, was ein Regierungssitz ohne Regierung eben ist - ein sehr großes Gebäude.

Die Prunkräume dienten danach Vertretern verschiedener Zweige des Hauses Habsburg. 1918 ging die Residenz in den Besitz der Republik Österreich über, 1974 ins Landeseigentum. Die einzelnen Schritte zwischen 1800 und 1816 stehen in der Chronik des Stadtarchivs, die Zusammenhänge im Beitrag über die Fürsterzbischöfe.

Wie der Toskanatrakt zu seinem Namen kam

Der Nordwestteil trägt bis heute den Namen einer vertriebenen Dynastie. Großherzog Ferdinand IV. von Toskana musste 1859 aus Florenz weichen; Kaiser Franz Joseph I. wies ihm 1867 diesen Gebäudeteil zu, und seither heißt er Toskanatrakt.

In seinem zweiten Obergeschoss liegt ein Raum, der die ganze Nutzungsgeschichte des Hauses in sich trägt: die Landkartengalerie mit Wandmalereien aus der Zeit um 1600. Ein Rauminventar von 1727 erwähnt sie als „Galerie der Landkarten". Nach der Säkularisierung geriet sie in Vergessenheit, 1922 zog die österreichische Bundespolizei in den Trakt, und erst 1986 wurden die Karten wiederentdeckt; 1994 war die Restaurierung abgeschlossen. Heute gehört der Raum zur Universitätsbibliothek Salzburg.

Wer heute im Haus arbeitet

Die Residenz ist kein Museum mit Nebenräumen, sondern ein genutztes Gebäude mit einem Museumsteil. Der Toskanatrakt beherbergt die Rechtswissenschaften der Universität Salzburg; die dortige Teilbibliothek entstand 1992 aus mehreren Institutsbibliotheken der juristischen Fakultät und umfasst rund 300.000 Druckwerke. In der Alten Residenz am Residenzplatz 1 liegt die Teilbibliothek Altertumswissenschaften mit etwa 60.000 Exemplaren. Der rund 700 Quadratmeter große Hof des Toskanatrakts wird an drei Seiten von Fakultätsflügeln gefasst.

Die Akten dagegen sind nicht mehr im Haus. Das Geheime Archiv des Erzstifts wanderte nach Wien; was heute unter diesem Namen in Salzburg liegt, wurde unter der bayerischen Regierung als Ersatz gebildet - aus Resten des domkapitlischen und chiemseeischen Archivs, der Geheimen Hofkanzlei und den Registraturen von Hofrat und Hofkammer, insgesamt 573 Kartons mit Material von etwa 1500 bis 1806. Ein Teil kam 1827/28 aus Wien zurück; daraus rekonstruierte man 1909/10 den Bestand Geheime Hofkanzlei, 131 Kartons aus den Jahren 1790 bis 1806 und damit die Hauptquelle für die letzten Jahre des Erzstifts.

Ein Bestand darin führt am deutlichsten vor, dass dieses Haus kein Kunstwerk war, sondern eine Regierung: die Emigrations-Archivalien zur Salzburger Emigration von 1731/1732 - 31 Bände, darunter zwei Bände Emigrantenlisten, dazu 103 Kartons Akten. Wer die Namen der Vertriebenen sucht, sucht sie in der Verwaltung, die sie ausgewiesen hat; die Vorgeschichte steht im Beitrag zur Protestantenvertreibung.

Stand August 2026. Baugeschichte nach dem DomQuartier Salzburg und der Chronik des Archivs der Stadt Salzburg; Behörden, Bestände und Laufzeiten nach den Bestandsübersichten des Salzburger Landesarchivs; Glockenspiel nach dem Salzburg Museum; Toskanatrakt und Landkartengalerie nach der Universitätsbibliothek Salzburg.

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