Die Kollegienkirche: Fischer von Erlachs Universitätskirche
600 Quadratmeter Fenster, eine 58 Meter hohe Kuppel und ein durchgehend weißer Innenraum - bei den Zeitgenossen fiel der Bau als moderner Kasten durch. Elf Jahre lang wurde er zuletzt saniert, mit 30.000 Litern Kalkanstrich.
Ein Dekret vom 6. Dezember 1694
Die Universität war da schon über siebzig Jahre alt und hatte immer noch keine eigene Kirche. Gefeiert wurde im akademischen Saal, der nebenbei für alles andere gebraucht wurde - und genau damit konnte sich Fürsterzbischof Johann Ernst Graf Thun nicht abfinden. Am 6. Dezember 1694 erließ er gegen manche Widerstände ein Baudekret und schuf damit die Voraussetzung für eine eigene Universitätskirche.
Neu war die Idee nicht. Schon unter Paris Lodron, dem Gründer der Universität, war ein solcher Bau geplant gewesen; er scheiterte an verschiedenen Schwierigkeiten. Erst Thun setzte ihn durch. Wie die Reihe der Landesfürsten zusammenhängt, steht im Beitrag über die Fürsterzbischöfe.
Die Grundsteinlegung erfolgte am 6. Mai 1696. Elf Jahre später, am 20. November 1707, wurde die Kirche geweiht; die Einweihungsfeierlichkeiten dauerten acht Tage. Geweiht ist sie Maria als Unbefleckter Empfängnis, deren Fest am 8. Dezember begangen wird.
Der modernste Architekt seiner Zeit
Johann Bernhard Fischer von Erlach war zu diesem Zeitpunkt frisch aus Rom zurück und hatte dort Bautechniken gelernt, die im Norden noch niemand verwendete. Thun wurde sein wichtigster Auftraggeber; faktisch arbeitete Fischer als dessen Hofarchitekt. Nach dem Tod des Hofbildhauers und Baumeisters Bartholomäus van Opstal 1694 übernahm er sämtliche Bauaufgaben im Dienst des Fürsterzbischofs und errichtete bis 1699 fünf Sakralbauten in und um Salzburg - Dreifaltigkeitskirche, Kollegienkirche, Ursulinenkirche, die Johannsspitalkirche in Mülln und die Wallfahrtskirche Maria Kirchental im Pinzgau - dazu Schloss Kleßheim. Mit Thuns Tod am 20. April 1709 endete Fischers Wirken in Salzburg.
Die Stadt Salzburg nennt die Kollegienkirche in ihrer Beschreibung ein Hauptwerk Fischers und eine der bedeutendsten Barockkirchen Europas: Hier wage der Künstler seine kühnste und klarste Raumgestaltung.
Die Zeitgenossen sahen das anders. Die Universitätspfarre, die die Kirche heute betreut, hält in ihrer Geschichtsdarstellung fest, dass der Bau vor 300 Jahren bei der Bevölkerung als moderner Kasten abgelehnt wurde. Was heute als Geradlinigkeit gilt, war damals eine Zumutung.
Weiß, und warum
Der Innenraum ist einheitlich weiß, und das ist keine Sparmaßnahme, sondern Programm. Nach der Deutung der Universitätspfarre wollte der Architekt das himmlische Jerusalem auf Erden abbilden; Weiß galt ihm dafür als Farbe des Göttlichen, weil sie alle Farben der Welt in sich vereint - weiß wie das Licht, das gebrochen den Regenbogen ergibt.
Dazu kommt die Lichtführung. 600 Quadratmeter Fenster bringen so viel Tageslicht in den Raum, dass die weiße Fassung überhaupt erst funktioniert. Beherrscht wird alles von einer 58 Meter hohen Mittelkuppel, streng symmetrisch angeordnet.
Streng vorn, verspielt hinten
Der Raum ist nicht durchgehend gleich gestimmt, und das ist Absicht. Die Universitätspfarre beschreibt den Effekt so: Die strengen Formen des Kirchenschiffs und das schmucklose Weiß der Raumschale erlauben eine absolute Konzentration auf die Architektur - und erst hinter den beiden mächtigen Säulen des Altarraums, gleichsam im Paradies, löst sich diese Strenge in ein verspieltes Barock auf.
Wer vor dem Hochaltar steht, steht dabei mitten in einer Zahl: Die Immaculata thront dort, von einundsiebzig Engeln umgeben, im Gegenlicht des großen Fensters dahinter. Der Betrachter, so die Lesart des Hauses, ist der zweiundsiebzigste.
Vier Kapellen, vier Fakultäten
Dass dies eine Universitätskirche ist, steht nicht auf einer Tafel, sondern in der Raumordnung. Um die Kuppel legen sich samt hochgelegenen Oratorien vier längsovale Kapellen, die den Patronen der vier Fakultäten geweiht sind:
- Thomas von Aquin - Theologie
- Ivo - Recht
- Lukas - Medizin
- Katharina - Philosophie
Wer unter der Kuppel steht, steht also in der Mitte einer Ordnung, die den akademischen Betrieb abbildet. Vor 300 Jahren fanden hier nicht nur Gottesdienste statt, sondern auch die Promotionen. Was aus der Universität wurde, steht im Beitrag zur Universität Salzburg.
Die Schauseite und wer sie gemacht hat
Die Schauseite blickt nach Norden zum Universitätsplatz. Zwischen der mittigen Figur der Maria Immaculata und den begleitenden Engeln tragen die Türme Skulpturen der vier Evangelisten und der vier alten Kirchenväter - alle geschaffen von dem Bildhauer Bernhard Michael Mandl.
Im Inneren stammt der feingliedrige Stuck von Diego F. Carlone und Paolo d'Allio. Er steigert sich zur Apsis hin zu einer lichtdurchfluteten Stuckglorie, in der über vielfältigen Wolken, umgeben von einem Strahlenkranz und zahlreichen Engeln, die Maria Immaculata auf der Mondsichel erscheint. Darunter steht der heutige Rokoko-Hochaltar mit sieben Erzengeln und weiteren allegorischen Figuren; er ersetzte den ursprünglichen steinernen Tabernakel und entstand nach einem Entwurf von Johann Kleber durch Josef Anton Pfaffinger - denselben Bildhauer, von dem der größte Teil der Kalvarienbergfiguren am Kapuzinerberg stammt.
Die Altäre der beiden kurzen Querschiffe tragen Altarblätter von Johann Michael Rottmayr: Borromäus bei Pestkranken und Benedikt, der heidnische Fürsten tauft.
Die Orgel ist deutlich jünger als der Raum. Matthäus Mauracher der Ältere baute sie 1866 bis 1868 mit 34 mechanischen Registern auf drei Manualen; er wurde für dieses Instrument oft gerühmt. Die Mauracher tauchen in Salzburg immer wieder auf - unter anderem beim Umbau der Hauptorgel im Salzburger Dom.
Eine Glocke von 1707
Im Nordturm hat ein Stück aus der Erbauungszeit überdauert: eine Bronzeglocke, die einst Teil eines mehrstimmigen Geläutes war. Sie wurde 1707 von Andreas Gartner in Salzburg gegossen, wiegt rund 2,1 Tonnen und hat den Schlagton e'. Auf ihrem Mantel sitzen Reliefs des heiligen Karl Borromäus, ein Kruzifix und mehrere Wappen. Geläutet wird sie bis heute händisch über einen Seilzug. Im selben Turm hängt eine zweite, kleinere Glocke ohne Bezeichnung, außer Betrieb; sie dürfte im Zuge der Kirchenrenovierung 1948 gegossen worden sein, lässt sich aber nicht mehr genau bestimmen.
Heumagazin, Lazarett, Garnisonskirche
Nach einer, wie die Universitätspfarre schreibt, „ruhigen" Zeit als geweihte Kirche kam der Absturz mit den Franzosen. 1800 diente die Kollegienkirche als Heumagazin für Napoleons Truppen, wenig später als Lazarett.
Der zweite Schlag folgte zehn Jahre danach: Unter bayerischer Herrschaft wurde 1810 die Universität geschlossen, und die Kirche verlor damit ihre ursprüngliche Bestimmung. Sie wurde Kirche des Staatsgymnasiums und zugleich Garnisonskirche - beides in einem Bau, der für Promotionsfeiern entworfen worden war. Erst mit der Neugründung der Salzburger Universität wurde sie 1964 wieder Universitätskirche.
1922: das Welttheater und ein Drittel der Kosten
Zwischen diesen beiden Daten liegt der Auftritt, der die Kirche international bekannt machte. Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal hielten den Raum für den idealen Ort ihres Mysterienspiels und brachten es 1922 hier zur Aufführung. Die dafür nötige Restaurierung wurde nach Angaben der Salzburger Festspiele zu je einem Drittel finanziert: Reinhardt verzichtete auf sein Honorar, Hofmannsthal gab seine Tantiemen ab, dazu kamen Mittel der Festspielhausgemeinde und staatliche Zuschüsse.
Danach passierte lange nichts. Die Kirche fiel als Spielstätte aus; geistliche Konzerte wanderten in der Zwischenkriegszeit in den Dom und nach 1945 in die Aula der Universität. Erst 1969 kehrte das Programm zurück, mit einer geistlichen Oper von Emilio de' Cavalieri. In den 1980er Jahren folgten Händels „Jephta" (1984 bis 1986) und „Saul" (1985); eine Inszenierung von 1987 wurde nach der Premiere von der Kirchenleitung gestoppt. Seit den 1970er Jahren gehören Kirchen- und Chorkonzerte zum festen Programm, ab 1993 kam das Festival „Zeitfluss" dazu, seit 2007 die Reihe „Kontinente". Wie sich die Festspiele insgesamt entwickelt haben, steht im Beitrag zu ihrer Geschichte.
Wer Fischer von Erlach war
Der Architekt lebte von 1656 bis 1723. In Salzburg entstanden neben der Kollegienkirche die Dreifaltigkeitskirche und die Ursulinenkirche, in Wien später die Hofbibliothek und die Karlskirche. Europäischen Ruhm brachte ihm allerdings kein Bau, sondern ein Buch: seine illustrierte Weltgeschichte der Architektur, die bereits zu seinen Lebzeiten Verbreitung fand.
Zu seinem 300. Todestag zeigte das Salzburg Museum vom 6. April bis 8. Oktober 2023 in der Neuen Residenz eine Ausstellung über sein Werk, kuratiert von Peter Husty und Andreas Nierhaus.
Zehn Jahre Sanierung und 30.000 Liter Kalk
Eigentümerin der Kirche ist heute die Republik Österreich, vertreten durch die Bundesimmobiliengesellschaft. Zwischen 2003 und 2013 wurde der Bau von Grund auf saniert, außen wie innen - finanziert aus Eigenmitteln, maßgeblich aus einer Spende des World Monuments Fund und aus Spenden der Salzburger Bevölkerung. Die Kosten lagen bei rund 12 Millionen Euro; die Universitätspfarre stellt dem die Errichtungskosten gegenüber, die auf heutigen Kaufwert umgerechnet etwa 15 Millionen Euro betragen hätten.
Was dabei zu tun war, hat die Bundesimmobiliengesellschaft dokumentiert: Heißluftbehandlung der Dachkonstruktion gegen Hausschwamm und Sanierung des Holzwerks, Befreiung der Fassaden von Schimmel, Reinigung und Neufärbelung, dazu Fenster, Türme, Apsis und ein barrierefreier Zugang. Für die weiße Kalklasur im Innenraum wurden rund 30.000 Liter Kalkanstrich verarbeitet. Die Fassadenfläche beträgt rund 16.000 Quadratmeter, die Netto-Grundfläche rund 2.830 Quadratmeter.
Ein Detail aus dieser Baustelle beschreibt die Dimension des Raums besser als jede Höhenangabe: Um an die Kuppel heranzukommen, stand ein halbes Jahr lang das mit 58 Metern höchste Innenraumgerüst Österreichs in der Kirche.
Verantwortlich für diese Sanierung war der Hochschulseelsorger Christian Wallisch-Breitsching, der zeitweise auch Spezialführungen anbietet, bei denen Bereiche wie der Dachstuhl zugänglich sind - Termine gibt es allerdings nur unregelmäßig und nur nach Anmeldung.
Der barrierefreie Zugang liegt rechts vom Haupteingang am Universitätsplatz 1 und ist mit dem Euro-Key zu öffnen. Warum dieser Bau samt seiner Umgebung heute unter besonderem Schutz steht, steht im Beitrag zum Welterbe der Altstadt.
Stand August 2026. Baudekret, Bauzeit, Nutzungsgeschichte und Sanierungskosten nach der Universitätspfarre Salzburg (kollegienkirche.at); Architektur, Ausstattung und Orgel nach der Stadt Salzburg; Sanierungsmaßnahmen und Flächenangaben nach der Bundesimmobiliengesellschaft; Aufführungsgeschichte nach den Salzburger Festspielen und der Universitätspfarre; Glocke, Raumwirkung und Führungen nach der Universitätspfarre; Lebensdaten und Ausstellung Fischer von Erlach nach dem Salzburg Museum.