Die Fürsterzbischöfe: Wie Kirchenfürsten Salzburg gebaut haben
Sie waren Metropoliten und Landesfürsten zugleich, durften als einzige in der katholischen Kirche eigene Bischöfe ohne Papst und Kaiser ernennen und wurden von zwei Dutzend adeligen Domherren gewählt. 1803 endete diese Doppelrolle in vier Schritten.
Aus einem Bischofssitz wird ein Staat
696 gründete der heilige Rupert im zerfallenen Iuvavum das Stift St. Peter und das Frauenkloster auf dem Nonnberg. 739 wurde Salzburg Bischofssitz, und 798 erhob Papst Leo III. auf Betreiben Karls des Großen den Bischof Arn zum Erzbischof und Metropoliten der bayerischen Kirchenprovinz. Damit war Salzburg, wie die Erzdiözese festhält, die älteste Diözese Österreichs und die am längsten bestehende im gesamten deutschen Sprachraum. Aus dem ursprünglichen Salzburger Metropolitansprengel gingen später sieben heutige Kirchenprovinzen hervor.
Kirchliche Würde ist aber noch keine Landesherrschaft. Der entscheidende weltliche Schritt fiel 996, als Kaiser Otto III. dem Erzbischof Markt-, Münz- und Mautrecht verlieh - die drei Rechte, aus denen sich ein Wirtschaftsraum steuern lässt. Im 13. Jahrhundert löste sich Salzburg vom „Mutterland" Bayern, ab 1328 galt eine eigene Landesordnung, die Erzbischöfe wurden zu Fürsten innerhalb des Heiligen Römischen Reiches, und etwa ab der Mitte des 14. Jahrhunderts führten sie den Titel Fürsterzbischof. Von da an übten sie auch die weltliche Macht über ihre Untertanen aus.
Die wirtschaftliche Grundlage dieser Selbstständigkeit lag nicht im Kirchenzehent, sondern im Boden: Salz, Metall und Edelsteine. Wie aus dem Salz ein Staatseinkommen wurde, steht im Beitrag zum Salzhandel.
Zwei Ämter in einer Person
Die Doppelrolle war kein Nebeneinander, sondern eine ständige Gleichzeitigkeit: geistliches Oberhaupt einer Kirchenprovinz und absolutistisch regierender Landesfürst. Wie selbstverständlich das gedacht wurde, zeigt eine Kleinigkeit aus dem Ausstellungsbetrieb: Als das DomQuartier 2003 eine Schau über Paris Lodron in den Oratorien im Obergeschoss des Doms zeigte, waren die südlichen Räume dem geistlichen Oberhaupt, die nördlichen dem weltlichen Herrscher gewidmet - eine Person, zwei Raumfluchten.
Für die Untertanen bedeutete das: Wer in Salzburg mit der Obrigkeit zu tun hatte, hatte es in Steuerfragen, Gerichtsfragen und Glaubensfragen mit derselben Instanz zu tun. Was passiert, wenn diese Instanz einen Glaubenskonflikt entscheidet, steht im Beitrag zur Vertreibung der Salzburger Protestanten.
Die vier Eigenbistümer: ein Privileg, das es sonst nirgends gab
Der ungewöhnlichste Teil der Salzburger Machtstellung ist heute weitgehend vergessen. Auf dem Diözesangebiet entstanden vier Eigenbistümer, deren Bischöfe vollständig vom Salzburger Erzbischof abhängig blieben:
- Gurk (1072) in Kärnten
- Chiemsee (1215/16) in Bayern
- Seckau (1218) in der Steiermark
- Lavant (1225) in Kärnten und der Steiermark
Dazu kam 1786 das kurzlebige Bistum Leoben. Der Salzburger Erzbischof durfte diese Bischöfe auswählen, ernennen, investieren und belehnen - ohne Beteiligung von Papst und Kaiser. Er behielt die Hochgerichtsbarkeit und behielt sich Patronats- und Zehentrechte vor. Das Historische Lexikon Bayerns bezeichnet diese Konstruktion als außergewöhnlich und beispiellos.
Sie überdauerte die napoleonischen Umwälzungen und hielt bis ins 20. Jahrhundert. 1920 entzog Rom dem Erzbischof das ausschließliche Ernennungsrecht und beschränkte ihn auf ein Nominationsrecht; mit dem österreichischen Konkordat von 1933 fielen die restlichen Privilegien für die verbliebenen Bistümer Klagenfurt (vormals Gurk) und Graz-Seckau.
Legatus natus und Primas Germaniae
Zwei Titel begleiten das Amt bis heute. Der Salzburger Erzbischof ist ständiger päpstlicher Legat - legatus natus, „geborener Legat" - und trägt den Ehrentitel Primas Germaniae. Der erste Titel ist an einem Detail ablesbar, das man bei Gottesdiensten sehen kann: Die purpurnen Gewänder des geborenen Legaten sind älter als die der Kardinäle.
Wie ein Fürsterzbischof ins Amt kam
Salzburg war eine Wahlmonarchie mit einem sehr kleinen Wahlkörper. Gewählt wurde der neue Fürst ausschließlich aus den Reihen des Domkapitels, und die rund zwei Dutzend Domherren waren allesamt adeliger Geburt. Starb ein Fürsterzbischof, übernahm das Domkapitel die Regierungsgeschäfte - und genoss in diesem Interregnum fürstliche Ehren: offene Schleppen, Kniefall der Untertanen, präsentierte Waffen der Wache beim Verlassen der Residenz.
Wie so eine Wahl praktisch ablief, lässt sich an der letzten gut nachvollziehen. Nach dem Tod von Sigismund Graf Schrattenbach am 16. Dezember 1771 begann am 9. März 1772 die Wahl. Zwei Kandidaten standen gegeneinander: Domdechant Ferdinand Christoph Graf Waldburg-Zeil, den Bayern favorisierte, und Hieronymus Graf Colloredo, Bischof von Gurk, den Wien und Kaiser Joseph II. unterstützten. Colloredos Vater nutzte als Reichsvizekanzler seinen Einfluss.
Entschieden wurde die Sache bei einem Empfang. Am 13. März 1772 lud der kaiserliche Gesandte Adam Franz Graf Hartig zum Geburtstag Josephs II. und sammelte dort die nötigen Stimmen. Am 14. März 1772 erhielt Colloredo im dreizehnten Wahlgang 22 von 23 Stimmen. Die Bevölkerung, die Waldburg-Zeil erwartet hatte, nahm das Ergebnis nach zeitgenössischen Berichten mit „düsterem Schweigen" auf. Den Ablauf hat das DomQuartier rekonstruiert.
Die prägenden Bauherren
| Fürsterzbischof | Amtszeit | Was von ihm bleibt |
|---|---|---|
| Konrad I. von Abenberg | bis 1147 | verlegt 1120 die Wohnung aus St. Peter in einen eigenen Bischofshof - der Ursprung der Residenz |
| Adalbert II. | 1183 bis 1200 | nimmt die Salzgewinnung am Dürrnberg wieder auf |
| Eberhard II. von Regensberg | 1200 bis 1246 | macht Hallein durch Preispolitik zur führenden Saline des Ostalpenraums |
| Leonhard von Keutschach | 1495 bis 1519 | baut die Festung spätgotisch aus, erzwingt 1511 das Ende der freien Ratswahl |
| Matthäus Lang von Wellenburg | bis 1540 | Stadt- und Polizeiordnung 1524, Niederschlagung des Bauernkriegs 1525 |
| Wolf Dietrich von Raitenau | 1587 bis 1612 | rund 70 Bauvorhaben, Residenzplatz, Abriss des romanischen Doms |
| Markus Sittikus von Hohenems | 1612 bis 1619 | Grundstein zum Dom 1614, Schloss Hellbrunn |
| Paris Graf Lodron | 1619 bis 1653 | Domweihe 1628, Universitätsgründung 1622/23, Befestigungen |
| Guidobald Graf von Thun | 1654 bis 1668 | Dombögen, Residenzbrunnen, Erhöhung der Residenz um fast sieben Meter |
| Max Gandolf Graf Kuenburg | 1668 bis 1687 | Kunst- und Wunderkammer, Ausweisung der Defereggener und Dürrnberger Protestanten |
| Johann Ernst Graf Thun | 1687 bis 1709 | Bauherr Fischer von Erlachs: Kollegienkirche, Dreifaltigkeitskirche, Ursulinenkirche, Kleßheim |
| Franz Anton Graf Harrach | 1709 bis 1727 | Hochbarocke Modernisierung der Residenz unter Johann Lukas von Hildebrandt |
| Leopold Anton von Firmian | 1727 bis 1744 | Schloss Leopoldskron 1736 bis 1740, Emigrationspatent 1731 |
| Andreas Jakob von Dietrichstein | 1747 bis 1753 | erster Salzburger Erzbischof mit dem förmlich verliehenen Titel Primas Germaniae |
| Sigismund III. von Schrattenbach | 1753 bis 1771 | Dienstherr der Familie Mozart |
| Hieronymus Graf Colloredo | 1772 bis 1803 | Toskanatrakt, Gemäldegalerie, letzter regierender Fürsterzbischof |
Paris Lodron und der Krieg, der nicht kam
Wenn man einen Namen herausgreifen will, an dem sich zeigt, was das Amt konnte, dann diesen. Paris Lodron regierte von 1619 bis 1653, also fast genau zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Während der Krieg das Reich verwüstete und ein Drittel der Bevölkerung auslöschte, blieb Salzburg verschont - nicht durch Glück, sondern durch eine Kombination aus zwei Strategien.
Nach außen hielt Lodron auf Selbstständigkeit bedacht Abstand zu den kriegführenden Parteien und trat, wie seine Vorgänger, der Katholischen Liga nicht bei. Gleichzeitig ließ er Befestigungen in Stadt und Land errichten und machte Salzburg zu einer Zuflucht, in die zeitweise sogar die Familie des bayerischen Herzogs Maximilian I. samt der Altöttinger Madonna auswich. Nach innen suchte er einen Konsens, der alle Stände des Landes einband.
Dazu kamen zwei Gründungen, die bis heute stehen: die Domweihe 1628 als selbstbewusste Machtdemonstration mit achttägigem Fest, und die Universität 1622/1623, deren Finanzierung er 1623 sicherte und die Papst Urban VIII. 1625 bestätigte. Am Ende seines Lebens wurde er als Vater des Vaterlandes verehrt; das DomQuartier nennt ihn ohne Einschränkung einen der bedeutendsten Erzbischöfe Salzburgs. Die Universität trägt seinen Namen bis heute.
Woran man sie im Stadtbild erkennt
Jeder Fürsterzbischof führte ein eigenes Wappen, und weil jeder von ihnen baute, sind diese Wappen über die Altstadt verteilt wie Signaturen. Wer weiß, wonach er sucht, kann Bauherren zuordnen, ohne eine Jahreszahl zu kennen:
- Rübe - Leonhard von Keutschach
- Kanonenkugel, drei Löwen, zwei Federhüte - Wolf Dietrich von Raitenau
- Steinbock - Markus Sittikus von Hohenems
- silberner Löwe mit Brezelschweif - Paris Lodron
- Kanonenkugel mit drei Federn - Franz Anton von Harrach
- Krone, zwölf Halbmonde, zwei Hirschgeweihe mit Sternen - Leopold Anton von Firmian
Am dichtesten stehen diese Zeichen rund um Dom- und Residenzplatz. Was dort im Einzelnen entstand, steht im Beitrag zur Geschichte der Residenz, die Baugeschichte der Kirche im Beitrag zum Salzburger Dom.
Das Ende in vier Schritten
Der Untergang des Erzstifts wird oft auf ein Jahr zusammengezogen. Tatsächlich zog er sich über sechzehn Jahre und lief in Etappen ab, die sich in der Chronik des Stadtarchivs Jahr für Jahr nachlesen lassen:
- 1800: Französische Truppen besetzen die Stadt. Colloredo flieht; zahllose Kunstschätze der fürsterzbischöflichen Sammlungen werden außer Landes gebracht.
- 1803: Säkularisierung des Erzstifts. Salzburg wird gemeinsam mit Passau, Eichstätt und Berchtesgaden zum Kurfürstentum Salzburg unter Ferdinand von Toskana - ein weltliches Fürstentum, das nur bis 1805 besteht.
- 1805: Ende der Eigenstaatlichkeit und erste Angliederung an Österreich. Die Stadt verliert ihre Residenzfunktion.
- 1809/10 steht Salzburg unter französischer, 1810 bis 1816 unter bayerischer Verwaltung. Die Universität wird 1810 aufgehoben, 1811 der Magistrat aufgelöst.
Erst 1816 kam Salzburg endgültig zu Österreich - und wurde dabei zur Kreisstadt degradiert. Die Prunkräume der Residenz dienten fortan Vertretern verschiedener Zweige des Hauses Habsburg; 1918 ging das Gebäude an die Republik, 1974 ins Landeseigentum über.
Das geistliche Amt blieb. In seinem heutigen Umfang geht das Gebiet der Erzdiözese auf die Bulle Ex imposito von 1818 zurück. Sie umfasst 210 Pfarren und zählte zum Stichtag 31. Dezember 2019 460.106 Katholiken; Erzbischof ist seit dem 7. Jänner 2014 Franz Lackner. Der Titel Fürsterzbischof wurde in Österreich noch bis ins 20. Jahrhundert geführt - die weltliche Macht dahinter war da schon über hundert Jahre weg. Wie sich der schroffste Vertreter dieser Reihe zu seinem Amt verhielt, steht im Beitrag über Wolf Dietrich von Raitenau.
Stand August 2026. Diözesangeschichte, Titel und aktuelle Zahlen nach der Erzdiözese Salzburg; Eigenbistümer nach dem Historischen Lexikon Bayerns; Wahlablauf 1772, Bauherren und Wappen nach dem DomQuartier Salzburg; Chronologie des Endes nach der Chronik des Archivs der Stadt Salzburg. Amtszeiten, die in den genannten Quellen nur einseitig belegt sind, stehen ohne Anfangs- oder Endjahr in der Tabelle.