SALZBURG JOURNAL

Wie die Salzburger Stadtteile entstanden

Sechs der eingemeindeten Dörfer stehen schon in den Güterverzeichnissen der Salzburger Kirche von 790/800. Andere Namen sind keltisch, romanisch oder das Ergebnis eines gelehrten Irrtums aus dem 18. Jahrhundert - so wie Maxglan.

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Wie die Salzburger Stadtteile entstanden

Die Stadt in ihren alten Grenzen

Bis 1935 war Salzburg klein. Die alte Stadt lag zwischen Salzach und Mönchsberg, vom Klausentor im Norden bis zum Schanzl im Süden, dazu rechts der Salzach vom Platzl bis zum Linzer Tor, mit Seitenarmen zum Sauterbogen, später bis zum Mirabelltor und nach Süden bis zum Steintor. Vor diesen Mauern lagen drei alte Vorstädte: das Mühlendorf Mülln im Norden, das Nonntal im Süden und im Westen die Riedenburg, seit 1766 durch das Neutor mit der Altstadt verbunden.

Zwei Ereignisse setzten das Wachstum in Gang, und beide fallen ins Jahr 1860: der Anschluss an die Kaiserin-Elisabeth-Westbahn und, kurz darauf, die Schleifung der Festungswälle vom Mirabelltor bis zum ehemaligen Linzer Tor. Was diese Wälle waren und was von ihnen blieb, steht im Beitrag zur Stadtbefestigung.

In der Gründerzeit zwischen 1860 und dem Ersten Weltkrieg entstanden neue Stadtteile innerhalb der ehemaligen Befestigungsanlagen: zwischen Paris-Lodron- und Gabelsbergerstraße das Andrä-Viertel, benannt nach der 1892 bis 1898 gebauten Andrä-Kirche, weiter ausgreifend Richtung Schallmoos, nördlich des Bahndamms Froschheim und links der Salzach Lehen.

Froschheim heißt heute anders, und der Grund ist ein Denkmal: Seit der Errichtung des Kaiserin-Elisabeth-Denkmals 1901 wurde der Stadtteil in Elisabeth-Vorstadt umbenannt. Der alte Name ist seit 1167 belegt und bedeutet schlicht „sumpfiger Ort mit Fröschen".

Wer die Gründerzeitviertel gebaut hat, lässt sich am Beispiel des größten Projekts zeigen: 1861 überließ die Verwaltung die ärarischen Gründe vom Lederer- bis zum Mirabelltor - also den frei gewordenen Streifen der Befestigungsanlagen - dem Unternehmer Karl Schwarz zur Stadterweiterung. Aus einem Verteidigungsgürtel wurde damit ein Baugrund.

Die Eingemeindungen von 1935 und 1939

Die eigentliche Vergrößerung kam spät und in zwei Schritten; sie erweiterte das Stadtgebiet um mehr als das Doppelte. Die Pläne dazu waren viel älter: Der Stadtarchiv-Band von Florian Stehrer (2018) über die Eingemeindungen dokumentiert entsprechende Bestrebungen bereits ab 1903, also noch in der Donaumonarchie, und datiert die erste öffentliche Erwähnung des Begriffs „Groß-Salzburg" auf einen Vortrag im März 1914. Dann kamen zwei Weltkriege und mehrere vollständige Wechsel der politischen Systeme dazwischen.

  • 1. Juli 1935: Eingemeindet werden die bevölkerungsreichen Gemeinden Gnigl-Itzling und Maxglan sowie Teile von Aigen, Morzg, Leopoldskron und Siezenheim.
  • 1. Jänner 1939: Die Gemeinde Morzg wird aufgelöst; ihr Gebiet fällt an die Stadt, soweit das nicht schon 1935 geschehen war. Im selben Jahr folgen Aigen und Liefering.

Der zweite Schritt fiel in die NS-Zeit, und das war kein Zufall. Der Historische Atlas der Stadt Salzburg hält in seinem Blatt zur NS-Zeit nüchtern fest: Der Wegfall demokratischer Entscheidungsprozesse ermöglichte nicht nur die Eingemeindung großer Teile von Aigen und Siezenheim sowie von Morzg und Leopoldskron, sondern auch überdimensionierte Planungen. Gemeinderäte, die zustimmen oder ablehnen konnten, gab es nicht mehr; an ihre Stelle waren vom Gauleiter ernannte Ratsherren ohne Mitbestimmungsrechte getreten.

Nach 1945 blieben die Grenzen im Wesentlichen, wie sie waren. Zwei Nachträge sind dokumentiert: der Gebietstausch Schlachthofgelände gegen Plainberg 1949/50 und die Ablehnung der Camp-Roeder-Eingemeindung 1955/56. Das Verzeichnis dieser Vorgänge steht in der Schriftenreihe des Archivs der Stadt Salzburg; die Auflösung der Gemeinde Morzg ist auch in der Beschreibung des Friedhofs Morzg belegt.

Sechs Dörfer, die schon um 800 im Verzeichnis stehen

Von den Dörfern, die der Stadt durch die Eingemeindungen zuwuchsen, sind nicht weniger als sechs bereits in den Güterverzeichnissen der Salzburger Kirche von 790/800 genannt. Der Sprachwissenschaftler Ingo Reiffenstein hat die Namensschichten in einem Aufsatz für die Zeitschrift Salzburger Volkskultur aufgeschlüsselt, auf den sich die folgenden Deutungen stützen.

Zwei Namen sind keltisch, und zwar so alt, dass sie schon in Gebrauch gewesen sein müssen, bevor die Römer das Salzburger Becken in Besitz nahmen. Das Dorf Glas (um 800 Clasa) heißt nach einem Bach, dessen Name auf keltisch glas „blau, grün" zurückgeht; ebenso wurde der verwandte Bachname Glan (um 800 Glane, keltisch glan „rein, glänzend") auf das gleichnamige Dorf übertragen.

Und hier liegt der schönste Irrtum der Salzburger Namenkunde: Maxglan hat mit der Glan nichts zu tun. Dem Ortsnamen liegt der Kirchenpatron Maximilian zugrunde (1461 Capella Sancti Maximiliani), im Dialekt verkürzt zu Maxion (1566). Erst eine gelehrte Volksetymologie des späten 18. Jahrhunderts deutete den Namen als Zusammensetzung aus Max und Glan um - und seit 1798 heißt der Ort so.

Wann welcher Name zuerst auftaucht

NameErstbelegBedeutung
Müllnca. 800 Muln„Mühlen", bis ins 12. Jahrhundert auch lateinisch Molendina
Itzling790 Uzihnga-ing-Name, Zugehörigkeit zu einem Utzilo
Liefering790 Liueringa-ing-Name, Zugehörigkeit zu dem Romanen Livero
Morzgca. 800 Marciagokeltoromanisch, Landgut eines Martius
Gniglca. 800 Glanicle„kleine Glan", zunächst Bachname; das Dorf entstand erst im 16. Jahrhundert
Parsch1122 Porrasbis heute ungeklärt, weder romanisch noch deutsch
Riedenburg1139 Ritinburc„Burg oder Berg eines Rieto"
Froschheim1167 Vroskeimsumpfiger Ort mit Fröschen, seit 1901 Elisabeth-Vorstadt
Gneis1212/1312 Genaisvon lateinisch canalis - benannt nach dem im 12. Jahrhundert gebauten Almkanal
Aigen1212/1312 Aigen„eigener, von grundherrschaftlicher Bindung freier Besitz"
Kasern1273 Keservon mittellateinisch casaria „Hütte", also einfache Hütten
Nonntal1326 NvnnetalTalsenke unter dem Kloster Nonnberg
Langwied1369 Langwatnicht „langes Holz", sondern die lange wat, also Furt
Taxham1409 Daxach„Fichtenreisig", -ham-Name
Schallmoos1429 MosMoor, Sumpf; 1615 „vor dem Linzerthor auf dem Mos"
Lehen1478 Lehenverliehenes Gut, Bauernhof
Kleingmain1596 GmainGemeinschaftsbesitz, Gemeindeweide; der Zusatz „Klein" erst im 19. Jahrhundert

Namen, die man falsch versteht

Drei Deutungen, die naheliegen, sind sprachwissenschaftlich nicht haltbar - und gerade daran zeigt sich, wie viel Arbeit in solchen Erklärungen steckt.

  • Riedenburg kommt nicht von althochdeutsch riot, also Riedgras oder Schilf. Das läge angesichts der feuchten Lage nahe, ist aber grammatisch nicht möglich; Verbindungen von -berg oder -burg mit einem Personennamen sind dagegen häufig.
  • Langwied hat, wenn die alten Belege stimmen, nichts mit wit für Holz zu tun, sondern mit der langen wat, also der Furt über den Söllheimer- und Schleiferbach von Gnigl nach Söllheim. Erst später wurde wat zu wit umgedeutet.
  • Sam (1242 Savme) hat kaum etwas mit Säumern und dem Transportwesen zu tun, was dort auch keinen Sinn ergäbe. Wahrscheinlich liegt ein Flurname vor, der den Saum bezeichnet - den Knick zwischen dem ebenen Moos und dem Anstieg zum Hügel.

Dazu kommen zwei Namenstypen, die gleich mehrfach vorkommen. Die Endung -heim für Heimstatt findet sich in Froschheim, Söllheim (1104 bis 1116 Selheim), Bergheim und Siezenheim; verwandt damit sind die vielen Namen auf -ham wie Taxham. Und die Endung -ing drückt - ähnlich wie die keltoromanische Endung -acum - die Zugehörigkeit eines Gutes und seiner Leute zu einem Grundherrn aus. Bei Itzling war das ein Utzilo, bei Liefering der Romane Livero. Nicht jeder -ing-Name ist aber alt: Pointing bei Himmelreich, erstmals 1778 belegt, ist eine junge Ableitung von Beunde für eingefriedetes Grundstück oder Weideland.

Ein weiterer Fall ist Abfalter (1212/1312 Apfoltrach): affoltra beziehungsweise apfalter ist das alte Wort für den Apfelbaum, die Endung -ach bildet Kollektiva wie in Haslach oder Erlach. Apfoltrach heißt also schlicht Apfelbaumbestand.

Was die Namen über die Bevölkerung verraten

Der hohe Anteil vordeutscher Ortsnamen rund um die alte Stadt ist kein Zufall, sondern ein sozialgeschichtlicher Befund. Er belegt das lange Weiterleben einer romanischen Bevölkerung - und zwar in Positionen, die etwas galten. Reiffenstein hebt hervor, dass neben den den Ton angebenden Baiern auch Romanen wichtige Rollen einnehmen konnten, etwa als Siedlungsgründer wie in Liefering und in einigen weiteren Flachgauer Gemeinden.

Sprachlich sind die meisten dieser Namen deutsch gebildet, nur mit romanischen Personennamen darin. Auch Wals (790 Walahowis), „Dorf der Walchen", ist ein deutscher Name. Nur Morzg, Gnigl und Gneis sind auch ihrer Bildung nach romanisch.

Zwei Feinheiten zeigen, wie genau sich das datieren lässt. Bei Morzg und Gnigl fehlt die Lautverschiebung von k zu ch - daraus folgt, dass sie nicht vor 800 eingedeutscht wurden. Bei Gnigl ist zusätzlich der romanische Akzent bewahrt, was auf eine Eindeutschung erst nach 1000 hindeutet. Das sind keine Vermutungen über Siedlungsgeschichte, sondern Rückschlüsse aus dem Klang eines Wortes.

Riedenburg lag lange woanders

Ein Name in der Liste hat den Ort gewechselt. Riedenburg, seit 1139 belegt, war bis weit in die Neuzeit der Name des Rainbergs - nicht der des heutigen Stadtteils zu seinen Füßen. Erst später wanderte die Bezeichnung vom Berg auf die Siedlung.

Ähnliche Übertragungen gibt es mehrfach: Bei Gnigl wurde der Bachname seit 1415 in Verbindung mit den Mühlen auf die Gegend übertragen („die new mül in der Gnygel"), das Dorf selbst entstand erst im 16. Jahrhundert. Bei Gneis ging der Name des Kanals auf die Siedlung am Gewässer über. Wer also einen Stadtteilnamen für alt hält, meint oft ein Gewässer, einen Berg oder eine Mühle - und nicht den Ort.

Namen als politisches Instrument

Dass Ortsnamen keine neutralen Etiketten sind, führte die NS-Zeit binnen weniger Jahre vor. Der Kapuzinerberg hieß nun Imberg, das Kapuzinerkloster nach seiner alten Bezeichnung „Trompeter-Schlößl", die Edmundsburg auf dem Mönchsberg wurde zur „Karl-Thomas-Burg". Neue Straßen in den Wohnanlagen auf den Aiglhof-Gründen benannte man nach deutschen Generälen, der frühere „St. Peterhof" hieß plötzlich „Weichselbaum".

Das ist dieselbe Mechanik wie 1901, als aus Froschheim die Elisabeth-Vorstadt wurde - nur mit anderer Absicht und in anderem Tempo. Was in diesen Jahren sonst mit der Stadt geschah, steht im Beitrag zu Salzburg im Zweiten Weltkrieg.

Wie die Stadt heute gegliedert ist, wie viele Menschen in welchem Zählbezirk leben und warum es zwei nebeneinander bestehende Einteilungen gibt, steht im Beitrag zu den Stadtteilen von Salzburg. Zu zwei Vierteln gibt es eigene Beiträge: Lehen und das Nonntal.

Stand August 2026. Namensdeutungen und Erstbelege nach Ingo Reiffenstein, „Die Namen der Salzburger Stadtteile", in: Salzburger Volkskultur, 36. Jahrgang, November 2012; Eingemeindungen nach Florian Stehrer, „Das Gebilde, das wir Groß-Salzburg nennen wollen", Schriftenreihe des Archivs der Stadt Salzburg 51, 2018, und nach Angaben der Stadt Salzburg; NS-Zeit nach dem Historischen Atlas der Stadt Salzburg, Blatt IV/10.

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