SALZBURG JOURNAL

Salzburg im Zweiten Weltkrieg

Fünfzehn Luftangriffe, über 9.000 Bomben, rund 550 Tote und 15.000 Obdachlose. Am 4. Mai 1945 verweigerte der Kampfkommandant den Verteidigungsbefehl - um 11.30 Uhr rollte der erste amerikanische Panzer über die Staatsbrücke.

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Salzburg im Zweiten Weltkrieg

Wie die Stadtverwaltung 1938 umgebaut wurde

Unmittelbar nach dem Rücktritt der ständestaatlichen Bundesregierung unter Kurt Schuschnigg am Abend des 11. März 1938 besetzte der illegale SA-Standartenführer Anton Giger, im Zivilberuf technischer Inspektor im städtischen Bauamt, mit Hilfe der SA das Rathaus. Zwei Tage später wurde Bürgermeister Richard Hildmann seines Amtes enthoben, Giger als provisorischer Regierungskommissär mit der Leitung der Stadtverwaltung betraut.

Im Herbst 1938 folgte der formale Umbau durch die „Deutsche Gemeindeordnung". Der Landeshauptmann - später Reichsstatthalter - und Gauleiter bestellte die Stadtregierung aus Oberbürgermeister und drei Beigeordneten. An die Stelle des Gemeindetages traten Ratsherren, zunächst 24, später 30, vorgeschlagen vom „Beauftragten der NSDAP" und ernannt vom Gauleiter. Sie berieten den Oberbürgermeister und hatten keinerlei Mitbestimmungsrechte. Die Bildung kollegialer Ausschüsse und Abstimmungen waren ausdrücklich untersagt. Diese Entmachtung hatte praktische Folgen bis in die Stadtgrenzen hinein - sie machte die Eingemeindungen von 1939 überhaupt erst durchsetzbar.

Wer welches Gebäude bekam

Der Machtwechsel war an Adressen ablesbar. Der Historische Atlas der Stadt Salzburg listet die Verschiebungen auf:

  • Reichsstatthalter Friedrich Rainer verlegte seinen Amtssitz aus Repräsentationsgründen vom Chiemseehof in die Residenz. Die Gauleitung der NSDAP blieb im Chiemseehof.
  • Der frühere Sitz der „Vaterländischen Front" wurde von der Kreisleitung der NSDAP beansprucht.
  • Die Dienststellen des SS-Oberabschnitts Alpenland zogen in das fürsterzbischöfliche Palais am Kapitelplatz.
  • Die Franziskaner mussten ihr Kloster für die Gestapo räumen. Die Anschrift Hofstallgasse 5 wurde damit zu einer der gefürchtetsten der Stadt.
  • In der Edmundsburg auf dem Mönchsberg, nun „Karl-Thomas-Burg", quartierten sich HJ-Bann und BDM ein.
  • Das Wehrkreiskommando XVIII, zuständig für Tirol und Vorarlberg, die Steiermark, Kärnten und Salzburg, saß zunächst im Hotel Bristol und übersiedelte später ins Hotel de l'Europe.

Umbenannt wurde auch die Topografie: Der Kapuzinerberg hieß nun Imberg, das Kapuzinerkloster nach seiner alten Bezeichnung „Trompeter-Schlößl".

Verfolgung und Vertreibung

Bei der Volkszählung 1934 hatten in der Stadt 239 Menschen die Religionszugehörigkeit „israelitisch" angegeben, dazu kam eine unbekannte Zahl von Flüchtlingen aus Deutschland. Die Verfolgung setzte sofort ein: Jüdische Richter und Staatsanwälte wurden am 14. März 1938 entlassen, wenige Tage darauf alle jüdischen Beamten und Rechtsanwälte, im Herbst 1938 folgte das Berufsverbot für Ärzte. SA-Leute klebten Schilder mit der Aufschrift „Judengeschäft" an Geschäftsportale.

Dazu kam eine Kette von Erlässen, die auf Kenntlichmachung zielten: Im Juni 1938 verbot der Polizeidirektor das Tragen von Trachtenkleidung, im Oktober 1938 wurden Reisepässe mit „J" gestempelt, im Jänner 1939 wurden die Zwangsvornamen „Israel" und „Sara" verfügt, im September 1941 der gelbe Stern.

In den Novemberpogromen vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Salzburg die Fenster und die Einrichtung der Synagoge in der Lasserstraße zerstört; angezündet wurde sie wegen der dichten Bebauung ringsum nicht. Jüdische Geschäfte wurden verwüstet, über 60 jüdische Männer verhaftet, ein Teil von ihnen in das Konzentrationslager Dachau gebracht. 1940 wurde das Bethaus für 20.000 Reichsmark zwangsweise an die Salzburger Polizei verkauft - bezahlt wurde der Betrag nie.

Wer nicht emigrieren konnte, musste nach Wien übersiedeln, meist in sogenannte Sammelwohnungen im 2. Bezirk. Ab 15. Februar 1941 gingen von dort in 45 Transporten rund 50.000 Menschen in die Vernichtungslager im Osten. Das Projekt Stolpersteine Salzburg dokumentiert 109 Biografien von Salzburger Jüdinnen und Juden, die der Shoah zum Opfer fielen; die Darstellung der Stadt zur jüdischen Gemeinde 1938 bis 1945 führt Namen und Einzelschicksale.

Das Lager Maxglan

Ab September 1940 wurden Roma und Sinti gezwungen, sich in einem Lager auf einem Feld südlich des heutigen Schwarzgrabenwegs aufzuhalten. Verwaltet wurde die Anlage von der Stadt Salzburg, bewacht wurde sie von Polizeikräften; betroffen waren rund 300 Personen. Die Männer wurden zur Zwangsarbeit herangezogen. Etwa 50 Roma und Sinti mussten als Statisten beim Film „Tiefland" der Regisseurin Leni Riefenstahl mitwirken.

Im Frühjahr 1943 deportierten die Nationalsozialisten den Großteil der Häftlinge in das Konzentrationslager Auschwitz. Nachweislich 164 von ihnen wurden dort ermordet, darunter 17 im Lager geborene Kinder. Am Schwarzgrabenweg an der Kreuzung mit dem Glan-Treppelweg steht heute ein Mahnmal: eine Skulptur von Zoltan Pap, in die 2009/10 die Radiofabrik Salzburg gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Christian-Doppler-Gymnasiums eine Klanginstallation integriert hatte. Seit 2021 gehört das Werk der Stadt.

Zwangsarbeit

Der Stadtarchivar Thomas Weidenholzer hat die Zwangsarbeit in der Stadt Salzburg in einem Vortrag von 2011 aufgearbeitet und beginnt ihn mit einem einzelnen Fall: Halina Steschko, geboren 1926 irgendwo in Russland oder der Ukraine, war Hilfsarbeiterin im Salzburger Rüstungsbetrieb Oberascher in Kasern. Sie starb am 1. Mai 1945, wenige Tage vor der Befreiung, an den Folgen einer Schussverletzung. Keine Salzburger Quelle verzeichnet ihren Geburtsort, und der Mord an ihr wurde nie untersucht.

Zwangsarbeit liegt vor, wenn ein Arbeitsvertrag gegen den Willen der Betroffenen zustande kommt, wenn Menschen wegen ihrer Herkunft und nicht wegen ihrer Fähigkeiten arbeiten mussten oder wenn diskriminierende Sonderbestimmungen galten. In Salzburg gab es dafür eine klare Rangordnung: Zivilarbeiter aus Nord-, West- und Südeuropa waren formalrechtlich deutschen Arbeitern gleichgestellt, konnten aber nach Ablauf des Vertrags an der Rückkehr gehindert werden. Polen und sogenannte Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter unterlagen besonders diskriminierenden Regeln. Am unteren Ende standen sowjetische Kriegsgefangene, deren Hungertod in den ersten Monaten bewusst in Kauf genommen wurde; erst ab 1942 wurden sie zur Arbeit herangezogen.

Die ersten Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter erreichten Salzburg im Februar 1942, ab dem Sommer kamen größere Transporte. Die Salzburger Zeitungen meldeten ihre Ankunft mit keiner Silbe - ein Hinweis darauf, dass diese Menschen von der Bevölkerung ferngehalten werden sollten. Innerhalb der Partei lief dagegen von Oktober 1942 bis Juni 1943 eine großangelegte Schulung zur „Fremdarbeiterfrage".

Vier Orte prägten dieses System in der Stadt:

  • Durchgangslager Itzling an der Erzherzog-Eugen-Straße: ab 1943 die erste Station für Polen und Ostarbeiter. 1944 trafen monatlich ein bis zwei Transporte aus Wörgl ein; die Ankommenden wurden nachuntersucht, entlaust, polizeilich erfasst, fotografiert und mit Fingerabdrücken registriert. Arbeitsamt, Arzt, Polizei und Wachpersonal saßen im Lager selbst.
  • Umsiedlerlager Parsch: Hier trafen Siedlerströme aus Siebenbürgen auf polnische Umsiedler. Polnische Kinder warteten dort auf deutsche Pflegeeltern - sie galten als „eindeutschungsfähig" und wurden als Arbeitskräfte eingesetzt.
  • Strafgefangenenlager Bergheim, damals außerhalb der Stadtgrenze, von der Gauhauptstadt für den Bau des Seuchenschlachthofes errichtet: Von 1941 bis 1945 arbeiteten dort zwischen 60 und 80 Gefangene auf einer städtischen Baustelle.
  • Polizeigefängnis am Rudolfsplatz, damals Schönererplatz: Zellen für vier bis sechs Personen waren oft mit 25 bis 30 belegt. Häftlinge wurden zur Gestapo ins Franziskanerkloster gebracht und kamen misshandelt zurück; jeden Samstag gingen von hier Transporte, vor allem nach Dachau.

Planungen, die nie gebaut wurden

Wenige Wochen nach dem „Anschluss" wurde ein „Aufbauprogramm für die Stadt Salzburg" mit einem Investitionsvolumen von 50 Millionen Reichsmark verkündet. Der Wegfall demokratischer Entscheidungsprozesse ermöglichte dabei auch Planungen, die jedes Maß sprengten:

  • ein Bauvorhaben des Wehrkreiskommandos auf dem Mönchsberg, das sich vom Elektrischen Aufzug bis nach Mülln erstreckt hätte,
  • ein „Gauforum" auf dem Kapuzinerberg, das in seinen Dimensionen die Festung übertreffen sollte.

Beides blieb Papier. Realisiert wurde dagegen Wohnbau, und zwar nicht für die einheimischen Wohnungssuchenden: Neue Wohnungen entstanden in Liefering zwischen der Münchner Reichsstraße und der Glan sowie auf den Aiglhof-Gründen, vorgesehen für Heeresangehörige, Parteifunktionäre, Südtiroler und volksdeutsche „Umsiedler". Nach der Aufhebung des Klosters St. Peter wurde dessen gesamter Besitz beschlagnahmt und Grundflächen für Wohnraum verwendet. Die neuen Straßen benannte man nach deutschen Generälen.

18 Luftschutzanlagen im Mönchsberg

Zum Schutz der Bevölkerung wurden im Mönchsberg 18 verschiedene Luftschutzanlagen mit jeweils zwei getrennten Eingängen errichtet. Darin konnten über 15.000 Personen Schutz suchen. Nach dem Krieg wurde erwogen, diese Stollen zum Abstellen von Fahrzeugen zu nutzen - daraus wurden nach langen Verzögerungen 1975 die Altstadtgaragen mit 1.400 Stellplätzen. Wer heute mit dem Mönchsberg-Aufzug hinauffährt, bewegt sich durch einen Berg, der in diesen Jahren durchlöchert wurde.

Die fünfzehn Luftangriffe

Salzburg blieb lange verschont. Der erste Angriff erfolgte am späten Vormittag des 16. Oktober 1944: Rund 50 amerikanische Bomber warfen über 500 Bomben ab und töteten etwa 250 Menschen. Am schwersten getroffen wurden das Nonntal, das Kaiviertel und Itzling. Zerstört wurde auch ein großer Teil des Museums Carolino Augusteum, des heutigen Salzburg Museums. Das weithin sichtbare Zeichen der Verwüstung war der Einsturz der Domkuppel; was das für den Bau bedeutete und wie lange der Wiederaufbau dauerte, steht im Beitrag zum Salzburger Dom.

Bis Kriegsende folgten weitere Angriffe. Die Bilanz nach Angaben des Stadtarchivs:

  • 15 Luftangriffe insgesamt
  • über 9.000 Bomben mit mehr als 2.000 Tonnen Bombenlast
  • etwa 550 Todesopfer
  • über 3.000 beschädigte Häuser, mehr als 400 vollständig zerstört
  • rund 15.000 Menschen wurden obdachlos

Der letzte Angriff traf die Stadt am 1. Mai 1945. Er galt dem Gnigler Bahnhof und den benachbarten Wohnhäusern; zwanzig Menschen kamen dabei ums Leben. Am selben Tag verteilten die örtlichen Machthaber Lebensmittel-Sonderrationen, es gab Tee und Bohnenkaffee auf Karten, aus dem bayerischen Raum war Geschützlärm zu hören, und Kolonnen zurückflutender Soldaten zogen durch die Stadt.

Der 4. Mai 1945, Stunde für Stunde

Die Übergabe der Stadt ist in der Chronik der Stadt Salzburg 1945 bis 1955 minutiös festgehalten. Sie ist deshalb bemerkenswert, weil sie von einer Weigerung ausging.

Kampfkommandant Oberst Hans Lepperdinger verweigerte in den frühen Morgenstunden die Annahme des Befehls von General Max von Bork, die Stadt zu verteidigen. Um 6 Uhr gab er über Rundfunk bekannt, Salzburg kampflos übergeben zu wollen. Um 6.30 Uhr nahmen Parlamentäre an der Saalachbrücke Kontakt zu den US-Truppen auf; ein amerikanischer Offizier kam in die Stadt, um die Ernsthaftigkeit des Angebots zu prüfen. Um 9.30 Uhr fanden an der Saalach-Eisenbahnbrücke die konkreten Übergabeverhandlungen statt.

Um 11.30 Uhr überquerte der erste amerikanische Panzer die Staatsbrücke. Es folgte der Einzug der 3. Infanterie-Division und der 106. Kavallerie-Gruppe. Um 13.30 Uhr sprach Brigadegeneral Robert N. Young mit Oberst Lepperdinger im Hotel „Österreichischer Hof". Ab 13.45 Uhr verkündeten Lautsprecher ein Ausgehverbot ab 18 Uhr, für den nächsten Tag eine Ausgeherlaubnis von 11 bis 13 Uhr; alle Geschäfte und Gaststätten blieben geschlossen.

Die Amerikaner beschlagnahmten sofort Häuser und Wohnungen, die binnen weniger Stunden geräumt werden mussten. Es gab Klagen über die gewaltsame Abnahme von Uhren und Wertgegenständen durch Soldaten. Alle früheren Kriegsgefangenen wurden freigelassen, Wehrmachtssoldaten in Kasernen und Lagern interniert, und für die US-Soldaten galt ein Fraternisierungsverbot.

Vier Tage später, am 8. Mai 1945, endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Krieg in Europa. Wie es in der Stadt danach weiterging - mit Militärregierung, Hunger, Flüchtlingen und Wiederaufbau -, steht im Beitrag zu Salzburg nach 1945.

Stand August 2026. Verwaltungsumbau, Gebäudenutzungen und Planungen nach dem Historischen Atlas der Stadt Salzburg, Blatt IV/10; Verfolgung der jüdischen Bevölkerung nach den Darstellungen des Archivs der Stadt Salzburg; Lager Maxglan nach der Mahnmal-Dokumentation der Stadt Salzburg; Zwangsarbeit nach Thomas Weidenholzer, „Arbeitseinsatz für den Krieg. Zwangsarbeit in der Stadt Salzburg“, Vortrag vom 13. Oktober 2011; Luftangriffe nach Angaben des Stadtarchivs zum 80. Jahrestag; Ablauf des 4. Mai 1945 nach der Chronik der Stadt Salzburg 1945 bis 1955 (Archiv der Stadt Salzburg).

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