Wolf Dietrich von Raitenau: Der Fürsterzbischof, der Salzburg umbaute
Rund 70 Bauvorhaben in 25 Jahren, eine Lebensgefährtin mit fünfzehn Kindern und ein selbst verfasstes Traktat über den idealen Fürsten. Am Ende saß er fünf Jahre auf der Festung, die er selbst hatte ausbauen lassen.
Ein Erstgeborener, der Priester werden musste
Wolf Dietrich von Raitenau kam am 26. März 1559 auf dem Familiensitz derer von Raitenau in Lochau nördlich von Bregenz zur Welt, als erster Sohn einer Kleinadelsfamilie. Seine Eltern Hanns Werner von Raitenau und Helene von Hohenems entschieden, den Erstgeborenen dem Dienst der Kirche zu widmen. Der Philologe Oliver Baumann, der Wolf Dietrichs eigenhändiges Manuskript „De Principe" für die Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde ediert und kommentiert hat, formuliert die Folge trocken: eine Entscheidung, die der junge Wolf Dietrich zeitlebens bereuen sollte.
Er verließ Schloss Langenstein, wo er mit zahlreichen Geschwistern aufgewachsen war, und ging ins Konvikt nach Günzburg. 1575 waren ihm bereits mehrere Pfründe verliehen. Sechs Jahre verbrachte er am Collegium Germanicum in Rom, dem von Jesuiten geführten Priesterseminar - der Ort, an dem sich sein Verständnis von Herrschaft, Repräsentation und italienischer Architektur formte.
Die Wahl vom 2. März 1587
Als Georg von Kuenburg früh starb, wurde der Salzburger Bischofssitz frei. Wolf Dietrich stellte sich der Wahl, weil ihm die übrigen Pfründe wenig erfolgversprechend erschienen. Am 2. März 1587 fiel die Wahl zum 52. Erzbischof von Salzburg auf ihn. Er war 27 Jahre alt und galt schon damals als strikter Gegenreformator und ehrgeiziger Reformkatholik.
Ein Jahr später machte er dem Ruf Ehre: 1588 wies er mittels Religionsmandat die protestantischen Stadtbürger aus Salzburg aus. Diese Ausweisung war die erste in einer Reihe, die 1731 in der großen Vertreibung der Salzburger Protestanten endete.
Salome Alt und die verlorene Kardinalswürde
Die Frau, mit der Wolf Dietrich sein Leben teilte, war keine Zufallsbekanntschaft aus der Unterschicht, sondern eine Salzburger Patriziertochter. Salome Alt, 1568 als jüngstes von sieben Kindern geboren, kam aus einer der einflussreichsten Familien der Stadt: Ihr Großvater Ludwig Alt war Bürgermeister, ihr Vater saß 1576 und 1588 im Stadtrat, ihre Tante Barbara Thenn war die einzige Münzmeisterin der Stadt. Die Stadt Salzburg führt ihren Lebenslauf in der Reihe Frauenspuren; geboren wurde sie in der Sigmund-Haffner-Gasse 6.
Die Verbindung war diskret, aber bekannt, und sie brachte fünfzehn Kinder hervor. Wolf Dietrich erwirkte die Nobilitierung ihrer Familie und sicherte sie materiell ab, heiraten konnte er sie wegen des Zölibats nicht. Den Preis nennt Baumann konkret: Die eheähnliche Lebensgemeinschaft kostete Wolf Dietrich entgegen allen Erwartungen die Ernennung zum Kardinal durch Papst Sixtus V. Das war der erste jener Wendepunkte, nach denen sich sein Kurs gegenüber Rom, Bayern und Habsburg veränderte.
Zunächst wohnte Salome Alt in einem Gebäude neben der Franziskanerkirche in der Nähe der Residenz. 1606/07 ließ Wolf Dietrich vor den Stadtbefestigungen das Schloss Altenau errichten - benannt nach ihrem Familiennamen, Vorläufer des heutigen Schlosses Mirabell - als Wohnsitz für sie und die gemeinsamen Kinder. Nach seiner Verhaftung floh sie zu Verwandten nach Wels, kaufte dort 1622 das Hoffmann-Gut und starb 1633 mit 65 Jahren.
Der Brand von 1598 und was danach abgerissen wurde
Am Anfang des barocken Salzburg steht kein Bauplan, sondern ein Feuer. 1598 beschädigte ein Brand den romanischen Dom schwer. Wolf Dietrich ließ die Ruine niederreißen, dazu Teile des Domklosters am Kapitelplatz - und er ging weiter, als es für den Neubau nötig gewesen wäre: Er hob den Domfriedhof auf und ordnete die Schleifung von Bürgerhäusern an, um vor der Residenz einen großzügigen Platz anlegen zu können.
Das ist der entscheidende Eingriff, und er war städtebaulich gedacht, nicht kirchlich. Der so entstandene Residenzplatz war ein repräsentativer öffentlicher Raum, der zur Bühne des Hofes wurde: Paraden, Prozessionen, Auftritte. Das DomQuartier fasst diese Phase so zusammen, dass Teile der mittelalterlichen Bürgerstadt der Umgestaltung zum Opfer fielen.
Für den Dom selbst beauftragte Wolf Dietrich den italienischen Baumeister Vincenzo Scamozzi mit einem riesigen Neubau. Realisiert wurde der Entwurf nie. Gebaut wurde erst unter seinem Nachfolger, ab dem 14. April 1614, nach Plänen Santino Solaris - die Baugeschichte steht im Beitrag zum Salzburger Dom.
Rund 70 Bauvorhaben in 25 Jahren
Die Stadt Salzburg beziffert im Historischen Atlas den Umfang seiner Bautätigkeit auf rund 70 bekannte Bauvorhaben und hält fest, dass die Mehrzahl der erhaltenen Bauten europäisches Niveau erreicht. Seine Aufgabe wird dort so beschrieben: die Umgestaltung der spätmittelalterlichen Stadt in eine moderne Residenzstadt im Sinne der Spätrenaissance und des Frühbarocks. Zwei Stadtpläne von 1587 und 1612 zeigen den Unterschied.
| Bau | Jahre | Was daraus wurde |
|---|---|---|
| Neubau am Residenzareal | 1588 bis 1602 | heute Residenz-Neugebäude |
| Friedhof St. Sebastian | 1595 bis 1600 | Umgestaltung zum Campo Santo nach italienischem Vorbild |
| Gabrielskapelle | 1597 bis 1603 | sein eigenes Mausoleum, geweiht am 29. September 1603 |
| Brücke Rathaus - Platzl | 1599 bis 1608 | Ersatz für die 1598 zerstörte Stadtbrücke |
| Barocker Residenz-Neubau | ab 1604 | ältester erhaltener Teil ist der Wallistrakt, heute Museum St. Peter |
| Schloss Altenau | 1606/07 | Vorläufer von Schloss Mirabell |
| Hofmarstall | 1607 bis 1609 | heute Teil des Festspielbezirks |
Dazu kamen der Verbindungsbau zur Franziskanerkirche mit den westlichen Arkaden, ein Gebäudegeviert nördlich der Franziskanerkirche an der heutigen Sigmund-Haffner-Gasse mit dem Garten Dietrichsruh und der Trakt am Residenz- und Domplatz mit dem Carabinierisaal. Um 1600 entstand die Durchfahrt gegenüber dem Dom, der später sogenannte Wallistrakt, kurz darauf die Residenzfassade. Was daraus über zwei weitere Jahrhunderte wurde, steht im Beitrag zur Geschichte der Residenz.
Der Fürst, der Machiavelli las
Wolf Dietrich hat ein lateinisches Manuskript mit dem Titel „De Principe" hinterlassen - „Über den Fürsten". Der Titel ist kein Zufall, und die Forschung bringt die Schrift regelmäßig mit Machiavellis „Il Principe" in Verbindung. Es ist selten, dass ein regierender Landesfürst der Zeit die Theorie seines eigenen Handelns aufschreibt; die Handschrift ist zugleich das aufschlussreichste Dokument über ihn.
Sein Regierungsstil passt dazu. Baumann beschreibt eine Innenpolitik, die von Starrköpfigkeit geprägt war: Missachtung der Rechte des Domkapitels und des Landtags, dazu einzelne Auseinandersetzungen, die schlecht aussahen - das Vorgehen gegen Sebastian Cattaneo, den Bischof von Chiemsee, im Streit um das Erbe des Saalfeldener Vikars Widmair, und der Untergang des Kapruner Pflegers Kaspar Vogl, der wohl Opfer eines Justizirrtums wurde.
Dagegen stehen Verdienste, die weniger bekannt sind, weil sie kein Gebäude hinterlassen: Hygiene, Volksgesundheit und Erziehung. Seine Maßnahmen waren nicht populär, entsprachen aber den Notwendigkeiten der Zeit - unter anderem konnte eine Pestepidemie durch seine Quarantänemaßnahmen noch vor der Stadt Salzburg gestoppt werden. 1593/94 erließ er eine eigene Schulordnung.
Der Salzkrieg und die Nacht auf den 8. Oktober 1611
Die Außenpolitik war über Jahre von Auseinandersetzungen mit Bayern bestimmt, und sie verschärften sich an der Person Maximilians I. Wolf Dietrich zog sich trotz der Bedrohung durch die Osmanen aus dem Reichskrieg zurück, blieb den Reichskreistagen fern und trat der Katholischen Liga nicht bei - bemerkenswert für eines der führenden katholischen Fürstentümer der Zeit.
Den Bruch brachte das Salz. Wolf Dietrich versuchte mit ständigen Preissteigerungen die Gewinne aus dem Halleiner Salzbergbau zu maximieren, Maximilian wollte das finanziell angeschlagene Herzogtum durch eigene Salzgewinnung und eine deutliche Mauterhöhung sanieren. Wie tief das Erzstift wirtschaftlich am Salz hing, steht im Beitrag zum Salzhandel.
Im Herbst 1611 spitzte sich der Streit zu. In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1611 ließ Wolf Dietrich die Fürstpropstei Berchtesgaden von seinen Truppen besetzen - eine, wie Baumann schreibt, „etwas kopflose Nacht-und-Nebel-Aktion", mit der er der Vertragsuntreue Maximilians beikommen wollte. Maximilian wertete das als klaren Bruch der Vereinbarungen und nahm die willkommene Gelegenheit wahr, den Erzbischof als Aggressor militärisch in die Enge zu treiben.
Die Truppen des Erzstifts mussten sich geschlagen geben. Wolf Dietrich floh am 23. Oktober aus Salzburg und wurde am 27. Oktober 1611 nach kurzer Flucht auf Kärntner Gebiet festgenommen.
Fünf Jahre auf der Festung
Nach mehreren Wochen Haft auf Burg Hohenwerfen wurde er am 7. März 1612 nach Salzburg überstellt und zur Resignation gezwungen. Es folgte eine Verhandlung, die Baumann als „voll von bizarren Anklagen" bezeichnet, und ab dem 12. Juli 1612 fünf Jahre Haft auf der Festung Hohensalzburg.
Zahlreiche Bittschriften an Papst Paul V., in denen er um Freilassung oder wenigstens um die Wahrung seiner Pensionsansprüche bat, blieben erfolglos - nicht zuletzt an der Unnachgiebigkeit seines Vetters und Nachfolgers Markus Sittikus von Hohenems, der zeitgleich Schloss Hellbrunn bauen ließ.
Sein Gesundheitszustand, schon während der Regierungszeit angegriffen, verschlechterte sich weiter. Am 16. Jänner 1617 starb Wolf Dietrich nach mehreren schweren epileptischen Anfällen auf Hohensalzburg, ohne seine Familie in den Haftjahren wiedergesehen zu haben. An der Wand seiner Zelle hinterließ er einen einzigen Satz: „Lieb ist Laydes Anfangkh / über kurz oder lang."
Was von ihm übrig ist
Begraben wurde er entgegen seinen Wünschen mit großem Pomp - in dem Mausoleum, das er sich zu Lebzeiten selbst hatte bauen lassen. Die Gabrielskapelle im Sebastiansfriedhof, ein Rundbau des Italieners Elia Castello, orientiert sich am Tempietto von Donato Bramante und gilt als bedeutendes Beispiel klassischer Renaissancearchitektur nördlich der Alpen. Innen erinnert der buntfarbige Fliesendekor an islamische Keramik. Die Stadt hat die Fassade 2021 in reinem Kalk auf die ursprüngliche einfarbig weiße Oberfläche zurückgeführt und dabei eine Wandmalerei freigelegt, die einen gemalten Stoffbaldachin mit gemustertem Brokat zeigt; die Details stehen in der Mitteilung der Stadt zur Restaurierung.
Sein Nachlass ging nicht den Weg, den er sich gewünscht hätte. Salome Alt wurde nach seinem Tod gegen ihren Willen gezwungen, seine Schriften Markus Sittikus zu überlassen; danach verschwanden sie in den Archiven des Erzstifts, bis sie gegen Ende des 17. Jahrhunderts vom Domdechant Freiherr von Fürstenberg archiviert und erstmals indiziert wurden. Mit der Eingliederung Salzburgs in das Kaisertum Österreich wanderten die Bestände des Geheimen und des domkapitlischen Archivs nach Wien, wo die Handschriften bis heute im Haus-, Hof- und Staatsarchiv liegen. Im Salzburger Landesarchiv sind sie nur auf Mikrofilm einsehbar.
Das härteste Urteil über ihn steht nicht in einem Geschichtsbuch, sondern unter seinem eigenen Porträt in der Galerie der Erzbischöfe. Es lautet: plura aedificavit, maiora destruxit - er hat vieles gebaut und Größeres zerstört. Beides stimmt, und beides ist bis heute sichtbar: Der Stadtgrundriss, den seine Abbrüche geschaffen haben, ist derselbe, der die Altstadt später auf die Welterbeliste brachte. Wie sich sein Amt in die Reihe der übrigen Landesfürsten einfügt, steht im Beitrag über die Fürsterzbischöfe.
Stand August 2026. Biografie, Regierungsstil, Salzkrieg und Haft nach Oliver Baumann, „Wolf Dietrich von Raitenau, De Principe. Text, Übersetzung, Kommentar", in: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, Band 137; Bautätigkeit nach dem Historischen Atlas der Stadt Salzburg und dem DomQuartier; Salome Alt nach der Reihe Frauenspuren der Stadt Salzburg; Mausoleum nach der Stadt Salzburg; Jahreszahlen der Bauten nach der Chronik des Archivs der Stadt Salzburg.