SALZBURG JOURNAL

Nachkriegs-Salzburg: Amerikanische Besatzungszone und Wiederaufbau

Im September 1945 standen für rund 110.000 Menschen 30.000 winterfeste Wohnräume zur Verfügung. Über 66.000 Displaced Persons lebten in mehr als fünfzehn Lagern im Stadtgebiet. Zehn Jahre später fuhr der letzte US-General um 14.15 Uhr ab.

· 13 Min. Lesezeit · Von
Nachkriegs-Salzburg: Amerikanische Besatzungszone und Wiederaufbau

Die ersten Tage unter Militärregierung

Am 5. Mai 1945, dem Tag nach der kampflosen Übergabe, standen amerikanische Panzer in dichten Reihen auf dem Mirabellplatz, an der Staatsbrücke und vor der Residenz - dem ersten Sitz der Militärregierung. Im Rathaus amtierte ein amerikanischer Kommissar, und um 10.30 Uhr setzte die US-Militärverwaltung Richard Hildmann, Stadtoberhaupt von 1935 bis 1938, als provisorischen Bürgermeister ein.

Am 6. Mai folgten die ersten Verordnungen des „Military Government" unter dem XV. Corps von Generalmajor Wade H. Haislip. Proklamation Nr. 1 erklärte den Sieg über Deutschland und damit auch über Österreich, das als unabhängiger Staat wiedererrichtet, aber wegen der Kriegsteilnahme zur Verantwortung gezogen werden sollte. Proklamation Nr. 2 verkündete die vollständige Trennung Österreichs von Deutschland. Dazu kam der Interalliierte Militärschilling als neue Währung - die Reichsmark blieb zunächst gültig, im Verhältnis 1 zu 1. Amtssprache der US-Zone wurde Englisch, der Post-, Telegramm- und Telefonverkehr wurde eingestellt.

Am 12. Mai übertrug die Militärregierung die Zivilgewalt im gesamten Stadtgebiet an Bürgermeister Hildmann - unter Vorbehalt des vollen Kontroll- und Weisungsrechts. Parallel formierten sich die Parteien: Am 7. Mai wurde im Landesgerichtsgebäude die Christlich-soziale Volkspartei gegründet, am 11. Mai konstituierte sich im Chiemseehof mit fünfzig Anwesenden eine provisorische SPÖ-Landesparteivertretung. Die offizielle Zulassung von ÖVP, SPÖ und KPÖ beschloss der Alliierte Rat in Wien am 11. September 1945. Diese und alle folgenden Angaben stehen in der Chronik der Stadt Salzburg 1945 bis 1955, die das Stadtarchiv aus Zeitungen, amtlichen Verlautbarungen, Protokollbüchern und privaten Aufzeichnungen zusammengestellt hat.

Wie Salzburg amerikanische Zone wurde

Am 8. Juli 1945 begann die Verlegung der 42. US-Infanterie-Division - der Rainbow-Division - unter Generalmajor Harry J. Collins von Tirol nach Salzburg. Sie löste die bisherigen Kampftruppen ab. Nach der Einigung der vier Siegermächte in London gehörte das Land Salzburg damit definitiv zur amerikanischen Besatzungszone.

Wie sehr das den Alltag bestimmte, zeigt eine Kleinigkeit: Das Aushängen rot-weiß-roter Fahnen war zunächst verboten und wurde erst später an jenen Gebäuden erlaubt, die nicht von amerikanischen Truppen besetzt waren.

Für 110.000 Menschen 30.000 winterfeste Räume

Die Wohnungsnot war die beherrschende Frage des ersten Nachkriegsjahres, und die Zahlen dazu sind ungewöhnlich präzise überliefert. Am 28. September 1945 nannte Bürgermeister-Stellvertreter Heinz Kraupner folgenden Stand:

  • Für rund 110.000 Menschen standen in der Stadt nur 30.000 winterfeste Wohnräume zur Verfügung.
  • 20.000 bis 30.000 Menschen wohnten in Hotels, Kasernen und Baracken.
  • Etwa 13.500 Menschen hausten in Splittergräben, Scheunen, Ställen, auf Dachböden und in Kellern.

Bereits am 6. September hatte der Sechserausschuss der drei Parteien die Militärregierung darauf hingewiesen, dass Familien in Luftschutzbunkern und Splittergräben den kommenden Winter nicht überstehen würden, und appelliert, bei der Beschlagnahme von Wohnungen darauf Rücksicht zu nehmen. Am 12. September verbot der Bürgermeister das freie Vermieten von Wohnräumen und Schlafstellen.

Wie stark die Stadt anschwoll, zeigen zwei Stichtage: Am 28. Februar 1946 zählte Salzburg 86.284 ständige Einwohner und 18.685 vorübergehend anwesende Personen. Am 31. Dezember 1947 waren es bereits 116.608 Einwohner, mehr als 30.000 davon Ausländer.

Über 66.000 Displaced Persons

Der Grund für diesen Sprung waren die Displaced Persons - Menschen aus Mittel- und Osteuropa, die nach Kriegsende nicht zurückkehren konnten oder wollten. Österreichweit wurde ihre Zahl 1946 auf 450.000 bis 500.000 geschätzt, das entsprach rund sieben Prozent der Nachkriegsbevölkerung. In Salzburg lebten über 66.000 von ihnen, verteilt auf mehr als fünfzehn Lager im Stadtgebiet, weitgehend nach Nationalitäten getrennt.

Für jüdische Flüchtlinge bestanden zwischen 1945 und 1949 in der Stadt sieben Lager. Das Stadtarchiv dokumentiert sie in seiner Darstellung der jüdischen Displaced Persons:

LagerOrtBelegungBestand
Camp MüllnKloster des Augustiner Bräu200 bis 250, meist unter 72 StundenSommer 1945 bis 1947
Camp JudahRiedenburgkasernebis zu 1.800wiedereröffnet 1946, geschlossen 1949
Camp HerzlFranz-Josefs-Kaserne, Schrannengassebis zu 2.000Schließung 1947
Bet BialikStruberkaserne, Kleßheimer Allee--
Bet TrumpeldorGnigl--
New PalestineParsch--

Camp Mülln war ein reines Durchgangslager, Camp Herzl war hoffnungslos überfüllt - seine Schließung 1947 führte zu einem Hungerstreik und einem Polizeieinsatz mit Tränengas. Die Bewohner kamen vor allem aus Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion, ab 1947 auch aus Rumänien. Aus den Lagern wurden kulturelle Zentren mit eigenen Zeitungen, Theatergruppen, Konzerten und Rezitationsabenden; das Mozarteum stellte dafür Räume zur Verfügung.

Der Alltag daneben war rauer, als es solche Aufzählungen vermuten lassen. Im Juni 1945 brach im Flüchtlingslager in der Gewerbeschule am Rudolfskai Fleckfieber aus, das Verlassen des Lagers wurde vorübergehend verboten. Ende September 1945 nahm die Polizei bei Razzien gegen Schwarzhändler mehr als vierzig Personen fest, allein 22 im Lager Parsch.

Glasenbach

Ein zweiter Lagertyp diente der Entnazifizierung. Das Lager Marcus W. Orr an der Alpenstraße, allgemein Glasenbach genannt, nahm politische Häftlinge auf: Am 10. September 1945 verlegte der amerikanische Abwehrdienst CIC 254 Häftlinge aus dem überfüllten Gefangenenhaus dorthin, in dem daraufhin noch 353 Personen saßen. Zuvor hatten dort ehemalige Wehrmachtsangehörige auf ihre Entlassungspapiere gewartet.

Zwei Ereignisse sind in der Chronik festgehalten: Im Dezember 1945 stieß bei Eugendorf ein amerikanischer Lastwagen, der Internierte zum Verhör nach Gmunden bringen sollte, mit einem Zug der Ischlerbahn zusammen - 15 Gefangene kamen in dem brennenden Fahrzeug ums Leben. Später kam es zu einem Aufstand gegen die Haftbedingungen, bei dem Insassen Zäune niederrissen und einigen die Flucht gelang. Das Areal erhielt den Namen Camp Truscott und ist heute die Rainer-Kaserne.

Der Sender im Franziskanerkloster

Zur Informationspolitik der Besatzungsmacht gehörte ein eigenes Radionetz. Der Sender Rot-Weiß-Rot ging für Salzburg, Oberösterreich und Tirol unter Leitung der US-Besatzung in Betrieb; das Salzburger Studio übersiedelte im Spätsommer 1945 ins Franziskanerkloster - in dieselben Räume, die bis Kriegsende die Gestapo genutzt hatte.

Seine wichtigste Funktion war zunächst keine journalistische: Täglich um 18.30 Uhr liefen die Suchmeldungen des Roten Kreuzes. Bis Mitte September 1945 hatten sich darüber bereits 1.000 Menschen wiedergefunden. Ab 10. September 1945 sendete Rot-Weiß-Rot dreimal wöchentlich einen Englischkurs.

Daneben lief ab dem 10. Juli 1945 der US-Soldatensender Blue Danube Network, zunächst von einem Lkw-Anhänger, später aus dem Hotel „Pitter" und schließlich von Schloss Kleßheim.

Wiederaufbau, Schritt für Schritt

Die Chronik der ersten Monate liest sich wie eine Liste kleiner Wiederinbetriebnahmen:

  • 13. Juni 1945: Alle für Luftschutzzwecke vorgesehenen Werkzeuge - Schaufeln, Beile, Spaten, Krampen, Besen - sind im städtischen Bauhof abzuliefern; sie werden für die Aufräumarbeiten gebraucht.
  • 21. Juni 1945: Das Glockenspiel am Residenzplatz erklingt mit seinen 37 Glocken wieder.
  • 22. Juni 1945: Das Dombau-Komitee tritt unter Vorsitz von Fürsterzbischof Andreas Rohracher erstmals zusammen und berät den Wiederaufbau der zerstörten Kuppel - Einzelheiten dazu im Beitrag zum Salzburger Dom.
  • 23. und 25. Juni 1945: Der Obus fährt wieder, zunächst auf der Linie Sigmundsplatz-Gnigl, dann auf einer eingeschränkten Ringlinie im 12-Minuten-Takt - vorerst ohne die Schleife zum Hauptbahnhof, weil dort noch Bombentrümmer lagen.
  • 25. Juni 1945: Hochbau- und Elektrotechnikschüler der Staatsgewerbeschule über 16 Jahre werden zum Wiederaufbau ihrer bombenbeschädigten Schule verpflichtet.
  • 7. September 1945: Die Beschlagnahme des Baumaterials zerstörter Häuser wird aufgehoben - wer bis 15. September nicht mit der Bergung beginnt, verliert den Anspruch.

Der wirtschaftliche Wendepunkt kam später: Am 2. Juli 1948 wurde das Marshallplan-Abkommen zwischen den USA und Österreich abgeschlossen.

1955: der Abzug

Das Ende der Besatzung lief in Salzburg über wenige Wochen ab, und die Chronik hält es fast protokollarisch fest. Am 15. April 1955 waren die öffentlichen und viele private Häuser beflaggt, als die Regierungsdelegation aus Moskau zurückkehrte. Am 15. Mai 1955, zur Unterzeichnung des Staatsvertrags, läuteten zwischen 12.00 und 12.15 Uhr alle Kirchenglocken.

Dann wurde geräumt:

  • 10. Juni 1955: Die USFA übergeben die Lehener Kaserne an die Republik.
  • 25. September 1955: Das USFA-Hauptquartier übersiedelt vom Mozartplatz ins Camp Roeder, das Lifka-Kino wird freigegeben.
  • 28. September 1955: Das Hotel Bristol wird geräumt.
  • 30. September 1955: Das Bundesheer übernimmt Camp Roeder - heute die Kaserne Siezenheim.
  • 3. Oktober 1955: Generalleutnant William H. Arnold verabschiedet sich. Auf dem Südtirolerplatz schreitet er eine Ehrenkompanie ab, um 14.15 Uhr fährt sein Sonderzug ab. Als Geschenke nimmt er einen goldenen Wappenring der Stadt und ein Silbertablett mit.
  • 4. Oktober 1955: Mit dem „Österreichischen Hof" wird das letzte beschlagnahmte Hotel zurückgegeben.
  • 6. Oktober 1955: Der Soldatensender Blue Danube Network stellt seinen Betrieb ein.
  • 7. Oktober 1955: Die Villa Warsberg wird nach zehnjähriger Beschlagnahme an ihre Besitzer zurückgestellt.

Die Wohnungsfrage blieb. Am 22. September 1955 kritisierte eine Gemeinderatsfraktion, dass hunderte von den Amerikanern geräumte Wohnungen leer stünden und von der Polizei bewacht würden, während 17.000 Wohnungssuchende nicht versorgt werden könnten. Bei einem Besuch von Bundeskanzler Julius Raab am 5. Oktober wurde festgelegt, dass von den insgesamt 1.000 geräumten Wohnungen im Camp Roeder und an der General-Keyes-Straße nur 260 für das Bundesheer reserviert bleiben und der Rest dem Wohnungsmarkt zugeführt wird.

Und dann das Festspielhaus

Drei Tage nach der Abreise des Generals stand die Finanzierung des größten Kulturprojekts der Nachkriegszeit. Am 8. Oktober 1955 wurde festgelegt, dass der Bund von den veranschlagten 125 Millionen Schilling für den Neubau des Festspielhauses 10 Millionen allein und von der Restsumme 67 Prozent übernimmt. Mit dem Baubeginn war für Herbst 1956 zu rechnen - und genau dann begann er auch. Was daraus wurde, steht im Beitrag zur Geschichte der Salzburger Festspiele.

Zehn Jahre zwischen der Übergabe der Stadt und dem letzten Sonderzug: Wie es dazu kam, steht im Beitrag zu Salzburg im Zweiten Weltkrieg. Die vollständige Aufarbeitung dieses Jahrzehnts hat das Stadtarchiv unter dem Titel „Befreit und besetzt" veröffentlicht.

Stand August 2026. Sämtliche Daten, Zahlen und Abläufe nach der Chronik der Stadt Salzburg 1945 bis 1955, zusammengestellt von Margit Roth, Peter F. Kramml, Erich Marx und Thomas Weidenholzer (Archiv der Stadt Salzburg, erstmals 1996 in Band 7 der Schriftenreihe erschienen); Angaben zu den jüdischen Displaced-Persons-Lagern nach der Darstellung des Archivs der Stadt Salzburg.

Mehr aus Geschichte
Alte Salzburger Berufe und Handwerke
Geschichte · · 12 Min.

Ausfergen, Naufergen, Lodenwalker, Kugelmüller, Feigenkaffee-Röster - und ein Beruf, den es nur in Salzburg gibt und der bis heute ausgeübt wird. 1878 hingen allein am Almkanal 63 Werke mit 353 registrierten Wasserrechten.